Stand: 15.05.2017 14:53 Uhr

Darum macht gemeinsames Singen glücklich

von Anna Novák
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Bieten viel für die Ohren - und eine aufwendige Show: die Slowenen von Perpetuum Jazzile, die auch bei der A-cappella-Woche in Hannover zu Gast waren.

Es sind Momente größter Freude, begeisterter Euphorie oder die ganz leisen Stellen. Zwerchfell gespannt, volle Konzentration. Und plötzlich: Gänsehaut. Wer im Chor singt, der kennt diesen Moment. Wenn die eigene Stimme plötzlich mit denen der anderen verschmilzt. Wenn aus vielen Sängern eins wird: Klang. Wenn die Harmonie so perfekt stimmt, dass die Luft flirrt, dass man die Obertöne beinahe physisch greifen kann.

Warum macht Chorsingen eigentlich so glücklich? Zum einen ist es die Musik selbst, die für eine Extraportion Endorphine sorgt, zum anderen erlebt man diese Momente auch noch gemeinsam mit anderen. Und in dieser Gemeinschaft bekommt auch die eigene Stimme eine ganz andere Tragweite.

Über 3,5 Millionen Menschen singen im Chor

Wer in Deutschland singen will, der hat die Qual der Wahl: Allein 20.000 Chöre sind offiziell im Deutschen Chorverband registriert - dazu kommen weitere 20.000 Kirchenchöre und etwa 15.000 Chöre und Chorprojekte der freien Szene. Mehr als 3,5 Millionen Menschen singen im Chor. Tendenz: Steigend.

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Chorverbands-Geschäftsführer Moritz Puschke ist selbst begeisterter Chorsänger und sieht der Chorzukunft optimistisch entgegen. Denn die deutsche Chorszene ist in Bewegung: "Zum einen haben wir im ländlichen Raum ein homogenes 'Wegsterben' von Traditionschören - also Männergesangsvereine, die keinen Nachwuchs mehr finden, die vielleicht auch keine gute Chorleitung mehr haben, die verschwinden so richtig von der Bildfläche. Das ist einerseits traurig, andererseits haben wir überall dort, wo es gute Chorleiterinnen und Chorleiter gibt, wo es Hochschulen gibt, wo es Unis, Akademien und fitte Kirchenmusiker gibt - oftmals in Großstädten - ein enormes Potenzial an Nachwuchs und neuen Chören."

Die deutsche Chorszene ist vielfältig

Der Klang der deutschen Chorszene hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Noch viel mehr Farben sind hinzugekommen. Genres wie "Vocal Pop", in dem auch populäre Songs aus dem Radio für Chöre oder kleine Ensembles a cappella arrangiert werden, gab es vor ein paar Jahren noch gar nicht. Viele neue Chöre wollen genau das: sich immer wieder neues Repertoire erschließen, sie wollen sich an innovative Konzertformate wagen - und sie zeigen auch ein neues, sehr hohes Qualitätsbewusstsein, meint Puschke: "Das sind Sängerinnen und Sänger, die sich dieses Hobby ganz bewusst auswählen. Die wägen ab: Mach ich Sport oder Yoga oder geh ich tanzen - und wenn die sich dann für den Chor entscheiden, dann machen die das wirklich voller Leidenschaft und haben eben wirklich auch schon fast einen semiprofessionellen Anspruch."

Das Chorensemble Perpetuum Mobile auf der Bühne © Perpetuum Mobile

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Dass das sängerische Niveau der Chöre grundsätzlich steigt, liege auch an der umfassenderen Ausbildung der Chorleiter, sagt Puschke. Und natürlich am großen Engagement der Sänger. Ein Stück erarbeiten, auf ein Ziel hinfiebern - und hinterher den gemeinsamen Erfolg genießen. Für viele Chorsänger ist das die größte Motivation.

Einfach lossingen

Chorverbands-Chef Puschke freut sich nicht nur über viele Sing-Initiativen in Schulen und Kindergärten, sondern auch über die Projekte, die vermitteln, dass es zum Singen eben nie zu spät ist: "Es entstehen zum Glück gerade in Deutschland auch viele neue Plattformen und Angebote für das Singen mit Senioren, die den Trend umkehren und sagen: Wir sind ein Seniorenchor, und wir machen Pop- und Rockmusik und singen die Helden von früher. Wir machen James Brown oder Joe Cocker oder Beatles oder Stones und haben ein Mindesteintrittsalter von 65. Also dass wir uns wirklich drum kümmern, dass das Singen etwas Lebenslanges ist und dass es keine Chorordnung gibt, wo man Leute einfach rauswirft, wenn sie 60 oder 65 werden."

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Beim großen Mitsingkonzert 2017 stehen drei ganz große Namen auf dem Programm: Brahms, Schumann, Mendelssohn. Schwelgen Sie in den schönsten und bekanntesten romantischen Chorsätzen! mehr

Oft holt man erwachsene Sänger oder jene, die sich erst spät zum Singen entschließen, gar nicht über die klassische Chorprobenstruktur ab, sondern erreicht sie über besondere Sing-Events, erklärt Moritz Puschke: "Es gibt in Deutschland gerade einen totalen Boom an sogenannten offenen Mitsing-Formaten. Die heißen dann 'Ich-kann-nicht-Singen-Chor' oder 'Jeder-kann-Singen-Chor' oder 'Sing-de-la-Sing' oder 'Rudelsingen'. Das sind also Versammlungen - oft in irgendwelchen Clubs oder da, wo man Chor gar nicht vermutet - bei denen einfach miteinander ganz barrierefrei und mit Spaß gesungen wird, ohne dass man irgendwelche Notenkenntnisse braucht oder da erst einmal ein Stimm-TÜV notwendig ist. Man kommt zusammen, kann dazu eben ein Bierchen oder ne Apfelschorle trinken. Oft ist eine Band dabei oder ein guter Pianist und dann wird einfach losgesungen."

Chorsingen ist gesund

Chorsingen macht glücklich. Zweifellos. Und noch dazu ist es gesund, für Körper und Geist: Neurobiologe Gerald Hüther bringt es auf den Punkt: Singen macht stark. "Versuchen Sie mal mit einem vollgefüllten Brustkorb und mit erhobenem Haupt - was Sie ja alles machen müssen zum Singen - versuchen Sie da mal Angst zu haben. Das geht gar nicht!“

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 15.05.2017 | 14:20 Uhr

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