Stand: 08.02.2016 10:29 Uhr

Berührendes Familienkonzert für Flüchtlinge

von Lena Zieker
Auf einer großen Leinwand lief der Stummfilm "Der Schneemann" - eine Geschichte, die sich auch ohne Worte vermittelte.

Familien aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Kenia und Hamburg sind am 7. Februar im Rolf-Liebermann-Studio zusammengekommen, um ein gemeinsames Konzert zu erleben. Ein Stummfilm-Konzert mit dem NDR Jugendsinfonieorchester. Es war ein besonderes Anliegen, dass auch Flüchtlinge, die noch nicht lange in Hamburg leben, mit dabei sind.

Schnee - zum ersten Mal im Leben

Schnee haben manche der kleinen und großen Besucher noch nie in ihrem Leben gesehen. Wie die beiden Mädchen aus Eritrea, die allein nach Deutschland geflüchtet sind und mit ihren Begleit-Eltern das Konzert besuchen. Gebannt verfolgen die Kinder, wie die dicken weißen Flocken über die Filmleinwand schweben, die über dem Orchester hängt. Gerade rollt der kleine James im Film große Kugeln über den Boden und formt sie zu einem Schneemann, der in der Nacht zum Leben erwacht und ihn auf eine abenteuerlich Reise zum Nordpol mitnimmt, wo er dem Weihnachtsmann begegnet.

zum nachhören
03:22 min

"Musik ist Sprache, die direkt ins Herz geht"

08.02.2016 07:30 Uhr
NDR Kultur

Ein bewegender Nachmittag: Familien aus aller Welt verfolgen gemeinsam den Stummfilm "Der Schneemann" - mit musikalischer Begleitung des NDR Jugendsinfonieorchesters. Audio (03:22 min)

Schon bevor die Musiker die Bühne betreten, summt es im Saal. Arabisch, Türkisch, Deutsch. Frauen mit Kopftüchern knipsen Handybilder von ihren Kindern und halten das besondere Erlebnis fest. "Wir haben hier 100 Bewohner des Flüchtlingscamps Bergedorf dabei", sagt eine der Besucherinnen. "Es hat denen sehr gut gefallen. Sie sind immer total froh, wenn sie mal aus dem Camp herauskommen und was erleben, was wir Deutsche auch machen. Hier waren ja auch viele deutsche Eltern mit ihren Kindern und das ist für unsere Kinder natürlich toll, so etwas auch mal mitzuerleben."

"Musik ist Sprache, die ins Herz geht"

Viele Organisationen haben das Angebot des NDR Sinfonieorchesters angenommen und sind mit Gruppen aus Erstaufnahmelagern zum Konzert gekommen. Aber auch Privatpersonen, die sich ehrenamtlich in der Flüchtlingshilfe engagieren, haben Familien eingeladen. Sonja Clasing hat neben ihrer Tochter eine syrische Familie mitgebracht, die seit kurzem in ihrem Haus lebt: "Die Familie, die ich mitgebracht habe, ist gegenüber allen kulturellen Angeboten sehr aufgeschlossen. Aber ich glaube, sie haben trotzdem noch nie so etwas erlebt und waren jetzt einfach sehr dankbar, dass das Publikum so durchmischt ist und sie in ihrer Heimatsprache angesprochen wurden. Das hatte einen sehr integrativen Charakter, das hat uns sehr gut gefallen."

Dirigent Dave Claessen hat extra etwas Arabisch für die Begrüßung geübt, überlässt die Einführung in die Geschichte dann aber doch lieber dem Übersetzer. Obwohl es Worte bei diesem Konzert eigentlich nicht braucht. "Musik ist von der Sprache befreit. Es ist ja Sprache, die direkt ins Herz geht", sagt Claessen.

Begeisterung bei Kindern und Erwachsenen

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Neben dem NDR Jugendsinfonieorchester trat auch der Knabenchor St. Nicolai bei dem Konzert auf.

Recht hat er: Der gezeichnete Film nach dem Bilderbuch von Raymond Briggs ist selbsterklärend und die Musik des NDR Jugendsinfonieorchesters und des Knabenchors St. Nikolai sorgt für die passende Stimmung und Gänsehaut. Ob Syrer oder Hamburger, ob Kind oder Erwachsener, alle fühlen mit, wenn sich der kleine James über den ersten Schnee freut, wenn er den Schneemann mit Schal, Hut und Kohleknöpfen zum Leben erweckt, wenn James am Ende traurig auf die Knie fällt, weil sein neuer Freund geschmolzen ist.

Am Ende gibt es viel Applaus und eine Zugabe: James tanzt und feiert mit den Schneemännern aus aller Welt unter dem bunt erleuchteten Polarlichthimmel. Ein Bild, das wunderbar das Publikum im Saal widerspiegelt.

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 08.02.2016 | 07:29 Uhr