Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben

Der Zweite Weltkrieg als Abenteuerspielplatz mit Bomben, Panzern, Flugzeugen? So klingt es jedenfalls bei Jagdflieger Budde. Er prahlt im März 1943 vor einem Kameraden von seinen Taten: "Was uns in die Quere kam, so Villen auf dem Berg, waren die schönsten Ziele. Wenn man so von unten ran flog, dann wupps, so ringehalten, dann rasselten die Fenster und oben ging das Dach hoch. Da war mal Ashford. Auf dem Marktplatz da wurde eine Versammlung gehalten, Haufen Leute, Reden gehalten, die sind vielleicht gespritzt! Das macht Spaß!"

Der Krieg aus Soldatenperspektive, ungefiltert - in einem britischen Gefangenenlager aufgezeichnet.

Buchcover: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben von Sönke Neitzel und Harald Welzer © S.Fischer Verlag

"Für mich persönlich war eigentlich schockierend, dass wir recht viele Gesprächspassagen haben, an denen man sehen kann, dass die Soldaten keine Eingewöhnung in die Gewalt brauchen, sondern nach wenigen Tagen in der Lage sind und sogar teilweise Spaß daran haben, die fürchterlichsten Dinge zu tun", sagt Autor Harald Welzer.

Wortwörtliche Protokolle - eine historische Sensation

Eine Million deutsche Soldaten waren bis 1945 in amerikanischer und britischer Gefangenschaft. Man hörte die ab, von denen man sich militärische Details erhoffte und protokollierte wortwörtlich. Historisch eine Sensation.

Harald Welzer © picture-alliance / ZB Fotograf: Karlheinz Schindler Detailansicht des Bildes Harald Welzer ist Soziologe und Sozialpsychologe in Essen. "Weil sie völlig ungeschützt einfach so sprechen, vergleichbar mit zwei Männern in der Kneipe, die sich über den Tag unterhalten", so Welzer. "Ein Wort gibt das andere, die Gespräche nehmen ihren Lauf, man erzählt Geschichten, gibt auch durchaus an, versucht sich zu übertreffen, aber man hat nicht im Sinn, dass das jemals von einem Historiker ausgewertet werden könnte."

13.000 Abhörprotokolle haben Amerikaner und Briten insgesamt erstellt. Jahrzehntelang lagerten sie vergessen in verschiedenen Archiven. Jetzt haben Sönke Neitzel und Harald Welzer sie erstmals ausgewertet.

Die Gefühlssicht deutscher Soldaten

"Soldaten" ist eine einzigartige und schaurige Binnensicht auf die Gefühlswelt deutscher Kriegsteilnehmer. Ihre Themen sind Technik und Frauen - aber auch: Erschießung, Vergewaltigung, Misshandlung, Vergeltung. Das Ganze im banalen Plauderton, bei Feldarbeit, Essen oder Freizeit. Genau das macht diese Protokolle so quälend - und bedeutsam.

"Wenn man mal jemanden zitiert, könnte man Generalleutnant Maximilian Siry vom Mai '45 nehmen", erzählt Welzer. "Der sagt: 'Man darf es ja nicht laut sagen, aber wir waren viel zu weich.' Er beschreibt dann eine Situation mit russischen Kriegsgefangenen und sagt: 'Man muss den Leuten einfach ein Bein abschlagen oder den rechten Unterarm, damit die kampfunfähig sind.' Und das sind natürlich Dinge, von denen man schwer schockiert ist, wenn man das heute liest. Aber beim genauen Lesen ist man noch schockierter, weil er für sich in Anspruch nimmt, zu human gewesen zu sein. Durch diese Sätze kriegen Sie ja ein Gefühl dafür, was der zeitgenössische moralische Rahmen war."

Die meisten der abgehörten Soldaten haben keine moralischen Zweifel, wenn es darum geht, Partisanen zu töten. In den Protokollen sprechen sie lakonisch von "Vergeltung" und "Abschreckung". Dass sie deswegen auch wahllos Zivilisten töten, gehört für sie ganz selbstverständlich zum Kriegshandwerk.

Buchcover: Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben von Sönke Neitzel und Harald Welzer © S.Fischer Verlag

Soldaten. Protokolle vom Kämpfen, Töten und Sterben

Neitzel, Sönke / Welzer, Harald

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3-10-089434-2
  • Verlag: S. Fischer Verlag
  • Preis: 22,95 €
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