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Orientierung im Bücherdschungel - mit Denis Scheck.
Link in neuem Fenster öffnenAm 6. Mai 2013 hat in München einer der bedeutendsten Strafprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte begonnen. Es geht um den Mord an zehn Menschen: neun türkisch- und griechischstämmigen Unternehmern und einer deutschen Polizistin. Auf der Anklagebank sitzen die mutmaßliche rechtsextreme Terroristin Beate Zschäpe sowie vier mögliche Unterstützer aus dem Umfeld des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU).
Zwei Journalisten werfen dem Verfassungsschutz Verharmlosung rechten Terrors vor. In ihrem Buch "Blut und Ehre" zeichnen sie die Gewalt von Rechtsextremisten von 1945 bis heute nach.
Die rassistisch motivierten heimtückischen Verbrechen zeigen ein Ausmaß rechter Gewalt in der Bundesrepublik, wie es lange Zeit nicht für möglich gehalten wurde. Unklar ist, wie eng der NSU mit dem Neonazi-Netzwerk verflochten war. Die Staatsanwaltschaft geht von einem "einheitlichen, aufeinander eingeschworenen Tötungskommando aus drei Personen" mit eng begrenztem Unterstützerkreis aus. Auf einer Liste der Sicherheitsbehörden werden allerdings 129 Personen aus der rechtsextremen Szene genannt, die zum NSU-Umfeld gehören.
Die Autoren Andreas Speit (l.) und Andrea Röpke recherchieren schon seit Jahren in der rechten Szene.
Die beiden norddeutschen Journalisten Andrea Röpke und Andreas Speit, die seit vielen Jahren zum Thema Rechtsextremismus recherchieren, stellen genau diesen Ansatz der Anklage in Frage. Er offenbare, dass die Ermittler gerade "nicht von zahlreichen Mitwissern und braunen Seilschaften" ausgehen wollten. Für Andrea Röpke und Andreas Speit ist dies ein eklatanter Fehler und einer der Gründe für die vielen katastrophalen Pannen und Fehler bei der Aufklärung der Mordserie.
Am 17. Juni erscheint das von ihnen herausgegebene Buch "Blut und Ehre". In einer Reihe von Aufsätzen beleuchtet es die Geschichte des rechten Terrors in der Bundesrepublik seit 1945 und verdeutlicht den Zusammenhang mit den jüngsten Verbrechen.
Die beiden Herausgeber sind davon überzeugt, dass das Gewaltpotenzial des Rechtsextremismus in Deutschland jahrzehntelang unterschätzt wurde. Während der Terror von links seit den 1970er-Jahren im kollektiven Gedächtnis fest verankert sei, werde der rechte Terror kaum wahrgenommen.
Anhand einer Vielzahl von in der Öffentlichkeit kaum bekannten Gewalttaten weisen die Autoren nach, wie sich seit 1945 ein Netz zum Teil äußerst militanter rechtsextremer Gruppen formieren konnte, die ihre Motivation aus einem geschlossenen neonazistischen Weltbild beziehen.
Erschreckend sind die Verbindungen, die sie zwischen den Terrorgruppen und rassistischen Untergrund-Bands ziehen: Mit ihren Hassgesängen haben Gruppen wie die Landser zur Radikalisierung beigetragen.
Dass das NSU-Trio weitgehend isoliert gehandelt und autonom gemordet habe, halten Andrea Röpke und Andreas Speit für eine Verfälschung der Tatsachen. Es gab seit den 1990er-Jahren enge Kontakte zu den Aktivisten des "Nationalen Widerstandes Jena" und zu militanten Kameradschaften wie der "Anti-Antifa".
Besonders intensiv waren die Beziehungen zur "Blood & Honour"-Bewegung, die bereits im September 2000 bundesweit verboten wurde. Mitglieder des Netzwerkes halfen dem Trio, illegale Unterkünfte, Waffen und Sprengstoff zu beschaffen.
Geradezu schockierend sind die Ergebnisse der Recherchen zur Arbeit der Sicherheitsbehörden. Sie haben, so Andrea Röpke und Andreas Speit, vor allem deswegen nicht zielführend ermittelt, weil der "Terrorismus von rechts offenbar nicht den Terrorismusvorstellungen der Ermittler" entsprach. So konnten sie über Jahre unwidersprochen behaupten, dass es rechte Gewaltstrukturen nie gegeben habe.
Und auch die Gesellschaft hat erst spät zu zweifeln begonnen. Im Vorwort schreiben die beiden Herausgeber: "Nicht nur die fatalen Analysen der Behörden und die falschen Ermittlungen der Polizei kamen dem NSU-Trio entgegen. Auch die alltäglichen rechten Einstellungen und Vorbehalte in der Mitte der Gesellschaft spielen dabei eine Rolle". Sie schließen ihr Buch mit einem Plädoyer für mehr Information und Aufklärung, für eine "andere Kultur in der kritischen Auseinandersetzung mit rechtem Gedankengut und rechter Gewalt".

Andrea Röpke, Andreas Speit