Kongo - Das Herz der Finsternis?

David van Reybrouck im Gespräch auf einer Bürgerversammlung in Brüssel © picture alliance/dpa Fotograf: Dries Luyten Detailansicht des Bildes Am 20. November erhält David Van Reybrouck den NDR Kultur Sachbuchpreis 2012. Wir treffen ihn in Brüssel und fahren einfach mit. Denn etwas gehetzt jagt er von einem Termin zum nächsten. David Van Reybrouck ist in Belgien zur Zeit ein viel gefragter Mann. Sein Buch "Kongo - Eine Geschichte" ist ein überwältigender Erfolg. "Ich bin ein Dutzend Mal in den Kongo gereist", erzählt er. "Und das hat mich geprägt. Wenn man im Kongo reist, arbeitet und mit den Menschen lebt, entdeckt man die Extreme der menschlichen Existenz. Ich habe unvorstellbare Grausamkeit gesehen, eine ausufernde Gewalt, aber auch menschliche Wärme, Freundlichkeit, ein großes Miteinander. Wenn ich eine Vision von Menschlichkeit hätte - dann wäre es das: der Kongo! Mich hat das sehr klein werden lassen. Sehr klein."

David Van Reybrouck lässt die Menschen selbst zu Wort kommen

Am 16. November in der Nähe von Brüssel. David Van Reybrouck hat Schriftsteller eingeladen, um über Menschenrechte zu diskutieren. Als Präsident des flämischen Schriftstellerverbandes "P.E.N." engagiert er sich für Literatur - ebenso wie für Politik. Bei seinen Recherchen im Kongo lebt der Archäologe und Schriftsteller auch ein paar Wochen mit Kindersoldaten, hört sich ihre Geschichten an. Erschütternd liest sich das, was er über ihr Leben schreibt. Das Besondere: David Van Reybrouck lässt die Menschen selbst zu Wort kommen - in einem Land, das wegen seiner reichen Bodenschätze immer wieder skrupellos ausgebeutet wird. Die Frauen erzählen ihm von den Vergewaltigungen. Sie wurden gedemütigt, weil die Gegner ihre Macht bekunden wollten in einem von Bürgerkriegen zerrissenen Land.

"Der Kongo ist ein Musterfall dafür, wie ein Land wegen seiner Reichtümer gequält wird. Dieser Reichtum an Rohstoffen provozierte immer die Begehrlichkeiten der Nachbarländer und multinationaler Konzerne. Der Kongo ist ein großer Hangar, ein Depot für die Weltwirtschaft." (David Van Reybrouck)

Schon der König von Belgien, Leopold der Zweite, beutete das Land Anfang des 20. Jahrhunderts wegen seines Kautschuks aus. "Ein Blutbad" - schreibt Van Reybrouck über Leopolds Herrschaft. Der hatte sich den Kongo als seinen "Privatbesitz" unter den Nagel gerissen. Heute geht es um Kupfer und Coltan für Handys, Computer.

"Der Kongo gehört zu unserer Epoche, in unsere Welt"

1960 wurde das Land in die Unabhängigkeit entlassen, vollkommen unvorbereitet. David Van Reybrouck beschreibt auf bedrückende Weise die Jahre der jungen Republik als eine "apokalyptische Ära, in der alles fehlschlug, was nur fehlschlagen konnte". Nach dem Chaos: Diktatur. 1965 putscht sich Mobutu an die Macht und nennt das Land, als Zeichen eines Neuanfangs, nun Zaire. Heute heißt es wieder Kongo. Und bei uns macht sich kaum noch jemand die Mühe, dieses Land zu verstehen. "Oftmals spüre ich in Europa die Tendenz, einen exotischen Blick auf den Kongo zu richten, als ob es ein weit entferntes Land wäre, außerhalb unserer Zeit, ewig rückwärtsgewandt. Damit bin ich überhaupt nicht einverstanden. Der Kongo gehört zu unserer Epoche, in unsere Welt", so der Autor.

"Mein Buch versucht die großen Linien, den Zusammenhang zu erklären"

Über die neuen Machthaber im Kongo, über eine "junge Demokratie" diskutiert David Van Reybrouck viel mit seinem Schriftstellerkollegen und Freund In Koli Jean Bofane. Der gebürtige Kongolese, der heute in Belgien lebt, hat das Buch gelesen - noch bevor es in den Druck ging: "Mit der vorherigen Generation der Weißen - das war schwierig mit denen zu diskutieren. Die waren so sehr davon überzeugt, dass ihr Standpunkt der beste ist. David hat diesen Reflex nicht. Und ich hoffe, dass wir mit dieser neuen Generation einen Dialog beginnen können."

"Wenn man gerade heute wieder die Nachrichten sieht, dann erfährt man, dass dort im Osten des Kongos wieder ein Konflikt ausgebrochen ist. Aber kennt man auch die Ursachen?", fragt Reybrouck. "Mein Buch versucht die großen Linien, den Zusammenhang zu erklären." David Van Reybrouck sagt, er habe immer nach einem Buch gesucht, in dem die Kongolesen selbst von ihrem Land erzählen. Er fand es nicht, also hat er es geschrieben.

(Beitrag: Grit Lederer)

Cover: David Van Reybrouck: Kongo - Eine Geschichte © Suhrkamp

Kongo - Eine Geschichte

David Van Reybrouck

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3518423073
  • Verlag: Suhrkamp
  • Preis: 29,95 €

Dieses Thema im Programm:

Bücherjournal | 06.02.2013 | 00:00 Uhr

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