Druckfrisch
Orientierung im Bücherdschungel - mit Denis Scheck.
Link in neuem Fenster öffnenBis zum Buchstaben P - wie "Plackerei" - haben sie es nicht mehr geschafft, dabei schufteten sie schwer auf der Baustelle der Worte. Die Zettelkästen mit Sprachbelegen und Zitaten füllen das Archiv und beschäftigen eine eigene "Arbeitsstelle Grimm".
Darstellung der Brüder Jacob (re.) und Wilhelm Grimm.
Es geht um Jacob und Wilhelm Grimm und ihre Pioniertat: das Deutsche Wörterbuch. Die beiden Sprachforscher sind die Helden in "Grimms Wörter", dem neuen Buch von Günter Grass. Die Sammler und Analytiker der deutschen Sprache – sind unermüdliche Stichwortgeber für das neue Buch von Günter Grass. "Es hat ja den Untertitel: Eine Liebeserklärung. Es ist eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache. Ich tauche ganz ein und folge dieser Arbeit, dieser wunderbaren und einmaligen Leistung der Brüder Grimm, dieses Wagnis einzugehen, ein Deutsches Wörterbuch zu verfassen", erklärt der Schriftsteller.
Es war einmal: Die Gelehrtenstube der Grimms, um 1850. Wir kennen die Brüder als Märchenerzähler und Mythensammler. Aber sie waren auch unangepasste Zeitgenossen, wie Bürger Grass, der immer wieder die Trommel rührt für die Demokratie und der sich in der Biografie der Grimms spiegelt. Über Wortbrücken verbindet er sein eigenes Leben mit dem der Brüder Grimm: "Da gab es viele Bezugspunkte für mich, weil ich mich zu Gesellschaftsfragen äußere - was dann natürlich auch auf Widerstände gestoßen ist, und das kriege ich bis heute zu spüren. Und da gibt es eine Menge Anknüpfungspunkte, die ich aber immer mit dem Wörterbuch, mit der Entwicklung dieses Wörterbuchs in Verbindung bringe."
Günter Grass hält den Eid für eine fragwürdige Angelegenheit.
Buchstabe "E" wie "Eid". Als Professoren in Göttingen hatten die Brüder Grimm einen Eid auf die Verfassung abgelegt. Als der neue Regent in Hannover diese mal eben abschaffte, protestierten sie. Die Folge: Rauswurf und die ersten Studentenunruhen! Zu einem Eid stehen ja! Aber ... "Die Kehrseite ist natürlich, dass das Bindende eines Eides - und das haben wir in der deutschen Geschichte erfahren - auch zu einem blinden Gehorsam führen kann", sagt der Nobelpreisträger. Selbstkritik ist nicht sein erstes Anliegen, aber Grass weicht auch nicht aus. Er kommt zurück auf seinen Schwur bei der Waffen-SS: "Was mir damals nicht zu Bewusstsein kam, in welch verbrecherische Organisation hinein ich durch Eid gebunden wurde, das ist mir natürlich später deutlich geworden. Ich würde jedenfalls - glücklicherweise stand ich nie davor, einen Eid leisten zu müssen -, ich halte das nach wie vor für eine fragwürdige Angelegenheit."
Und so geht Grass' Zeitreise weiter, zwischen heute und einst - immer entlang am Wörterfluss des Alphabets. Grass und die Politik. 1997 spricht er in der Frankfurter Paulskirche: dort, wo 1848 Wilhelm Grimm in der Nationalversammlung die Menschenrechte für Deutschland mit formulierte. Streifzüge durch Berlin: Spurensuche, Denkmalpflege - ein wenig auch am eigenen - klar! Grass untersucht die Bruch- und die Nahtstellen der deutschen Geschichte. Und bleibt sich treu, wird wütend, wenn er die Gegenwart betrachtet: "Wenn man die Augen offen hält und sieht, wie in einem reichen Land Kinderarmut zunimmt, die Diskrepanz zwischen Arm und Reich größer und größer wird, ja wir Gefahr laufen, in die Klassengesellschaft des 19. Jahrhunderts zurückzufallen - dann wird deutlich, wie weit wir uns von den Grundsätzen der Verfassung entfernt haben."
"Grimms Wörter" nennt Grass sein "wahrscheinlich letztes Buch". Vermächtnis schon? Abschied gar? So einfach macht er's sich und uns dann doch nicht: "Was ein episches Konzept angeht, wüsste ich im Moment nicht, ob ich noch die Kraft, ob ich noch die Zeit habe in meinem Alter, so etwas vorzubereiten und über eine längere Schreibdauer durchzuhalten. Was ich sicher, was ich hoffe jedenfalls in einem Erneuerungsprozess ... Ich zeichne viel zur Zeit, ich mache Radierungen, was sicher der Fall sein wird, es werden wieder Gedichte entstehen. Und wie ich mich kenne, mit Gedichten und mit der Lyrik bin ich auch immer wieder zu neuen und anderen Themen gekommen."

Günter Grass