In Zeiten des abnehmenden Lichts

Familienfeier in der DDR. Jedes Jahr ist es dasselbe Ritual, wenn der alte Kommunist Wilhelm im Kreise der treuen Weggefährten und der Familie Geburtstag feiert. Auch an seinem Neunzigsten werden noch Reden geschwungen und Orden verliehen, und Opa singt mit brüchiger Stimme von der Partei, die immer recht hat.

Eugen Ruge. © Tobias Bohm Detailansicht des Bildes Mit 57 Jahren legt Eugen Ruge seinen ersten Roman vor - und erhält den Deutschen Buchpreis 2011. Doch diesmal, im Oktober 1989, ist alles Lüge. Der Enkel  ist in den Westen abgehauen, der Staat kurz vor dem Untergang. Das Innenleben einer Familie - als Parabel auf die Geschichte der DDR. "Für mich war dieser Familienrahmen dadurch, dass diese Familie eine sehr wechselvolle Geschichte hat, ein angemessener und ausreichender Rahmen, um Geschichte in Form von Geschichten, und ich würde sagen, in Form von kleinen Geschichten zu erzählen", sagt Autor Eugen Ruge.

Klug komponiert und abwechslungsreich geschrieben

Das Material und die Figuren für seinen Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" stammt aus Eugen Ruges eigener Familie. Sein Vater Wolfgang war ein führender DDR-Historiker aus kommunistischer Familie. Die war 1933 nach Russland geflohen. Als der Krieg ausbrach, wurde er als Zwangsarbeiter in den Ural deportiert, kam dann in ein sibirisches Lager. Später heiratete er eine Russin - genau wie im Roman beschrieben. 

Und ebenfalls wie im Buch kehren Ruges Großeltern in den 50er-Jahren aus dem Exil in Mexiko in die DDR zurück. Diese Familienwirklichkeit gibt jedoch nur den äußeren Rahmen ab für den klug komponierten und abwechslungsreich geschriebenen Roman. "Das muss man sich so vorstellen, dass die wesentlichen Figuren der Familiengeschichte den Protagonisten ähnlich sind", so Ruge. "Ich habe manches ein bisschen verändert, die biografischen Daten zum Teil, aber auch die Charaktere. Aber da sind große Ähnlichkeiten zu erkennen. Und trotzdem sind die Geschichten im Einzelnen alle erfunden."

Familiensaga erzählt vom Kommen und Gehen kommunistischer Ideale

Ruges Familiensaga erstreckt sich über 50 Jahre und erzählt vom Werden und Vergehen der kommunistischen Ideale - bis ins Private hinein. Wenn das alte Kommunistenehepaar Charlotte und Wilhelm sich gegenseitig misstrauisch belauert, dann hat das geradezu slapstickhafte Züge und erinnert an das greisenhafte Politbüro der SED und den Überwachungswahn der Staatssicherheit. "Ich hatte im Grunde vor, nicht noch einmal große politische Ereignisse wiederzukäuen, die jeder schon x-mal im Fernsehen gesehen hat und die Bilder dazu kennt und so etwas. Ich wollte es über kleine Geschichten erzählen", erklärt Ruge.

Eugen Ruge - Vita

1954 in Soswa (Ural) geboren, studierte Ruge Mathematik an der Berliner Humboldt-Universität und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik.

Er arbeitete beim DEFA-Studio für Dokumentarfilm, bevor er 1988 aus der DDR in den Westen ging. Seit 1989 arbeitet er für Theater, Film und Rundfunk als Autor und Übersetzer.

2009 erhielt Eugen Ruge für sein erstes Prosamanuskript "In Zeiten des abnehmenden Lichts" den Alfred-Döblin-Preis. Am 10. Oktober hat er den Deutschen Buchpreis 2011 erhalten. Ruge lebt in Berlin.

Geschickt arrangiert Ruge die Kapitel, wechselt Zeit und Perspektiven. Wilhelms Sohn Kurt dekoriert den schiefen Weihnachtsbaum, aber sein Vater, der alte Kommunist, setzt sich absichtlich mit dem Rücken davor: Weihnachten sei ein religiöses Fest, und der Klassenfeind vernebele damit die Gehirne der Arbeiter. Über die Jahrzehnte wechseln die Schwiegertöchter, die Geliebten, die Missverständnisse, die Geschenke. Das Politische ist hier immer auch das Private. Und so, wie die familiären Rituale zusehends hohl und sinnlos werden, verkrümeln sich auch die großen Ideale.

"Immer wo es ernst wird, ist die Komik nicht sehr weit entfernt. Das ist klar", so der Autor. " Ich würde nicht sagen, ich habe versucht, ein komisches Buch zu schreiben, aber es ist automatisch so, dass es eine Menge komischer Dinge gibt." Eugen Ruge erzählt von den Wirren der Zeitgeschichte im Familienkosmos. Als Begleiterscheinung, die geradezu zwangsläufig in jedes Leben eingreift. All das wird fesselnd und anekdotisch beschrieben, in einer unprätentiösen Sprache, und das macht den Roman "In Zeiten des abnehmenden Lichts" äußerst lesenswert.

Ruge muss den Vergleich mit Buddenbrooks nicht scheuen

"Der Romantitel beschreibt die Tatsache, dass es eine Untergangsstimmung ist", sagt Ruge über sein Buch. "Natürlich ist es so, dass er für die einzelnen Figuren im Roman noch einmal verschiedene Bedeutungen hat. Im großen Ganzen ist es ein Roman über den Untergang einer Idee, eines Landes, einer Familie." Ruges Roman reicht über die DDR hinaus. Denn in falsche Ideologien verirren sich Menschen zu allen Zeiten und bleiben als Enttäuschte oder Starrsinnige zurück. Eugen Ruge erzählt eine Familiengeschichte, die den Vergleich mit den Buddenbrooks nicht scheuen muss.

(Autor: Tom Fugmann)

Eugen Ruge: In Zeiten des abnehmenden Lichts (Buchcover) © Rowohlt Verlag

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Eugen Ruge

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3498057862
  • Verlag: Rowohlt
  • Preis: 19,95 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 10.10.2011 | 22:45 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/literatur/inzeiten105.html
Logo der Sendung Kulturjournal © NDR
Links

Die 20 nominierten Titel zum Deutschen Buchpreis in der Übersicht.

Link in neuem Fenster öffnen