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Gelesen von Markus Boysen
Lilli Steinbeck ist zurück, die Kommissarin mit der Klingonennase, die genauso fein ist, wie ihre Gucci-Kostüme. Wer die Kriminalromane von Heinrich Steinfest kennt, der erwartet natürlich etwas ganz Besonderes - und bekommt es. Ja, viel mehr noch: Steinfest ist mittlerweile der Krimiautor, von dem das Goethe-Institut immer geträumt hat. Ein Mann, der nicht einfach so Fälle erfindet und diese mit den genretypischen Zutaten löst. Viel mehr fabuliert sich Steinfest durch seine eigene Welt aus Literatur- und Kunstgeschichte, durch Comic- und Filmanleihen, Atlanten und Naturführer und das sprichwörtliche Infragestellen von Sprichwörtern. Steinfest versucht den Worten auf die Schliche zu kommen, nicht den Tätern.
"Jeder Mensch stirbt zweimal. Bekanntermaßen am Ende seiner Jahre, aber auch irgendwann zwischendrin. Das hat aber überhaupt nichts mit jenem James Bond-Titel zu tun, der uns weiszumachen versucht, man würde zweimal leben. Denn zwischen leben und sterben gibt es ja wohl einen Unterschied."
So beginnt "Die Haischwimmerin": Steinfest philosophiert über die Liebe und den Tod, den Glauben und das Glück. Anstatt, wie sonst im Krimi üblich, den Fall zu umreißen, legt der Autor sein Weltbild dar. Die erste Tote begegnet uns erst auf Seite 233, und bis dahin war das Buch eigentlich viel spannender.
"Die Haischwimmerin" besteht aus drei Teilen: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Im ersten Teil erzählt uns Steinfest die ganze tragische Liebesgeschichte von Lilli Steinbeck und dem aufgeklärten Verklärer Ivo Berg, der später Baumflüsterer wird.
In der Vorgeschichte wird klar, woher Lilli ihre verstümmelte Nase, Ivo die Affinität zu Bäumen und Steinfest seinen Buchtitel hat.
"Mit ihrer Klingonennase war Lilli imstande, die Gewalt zu riechen und dabei die diversen Ausformungen olfaktorisch genau zu unterscheiden, niemals also die eine Gewalt mit der anderen zu verwechseln. (...) Man wäre sofort bereit gewesen, sie fest an die Uni zu binden, aber Lilli wollte unbedingt zur Polizei. Sie sagte, sie habe nicht die Tierwelt der Ozeane studiert, um dann ein Aquarium zu betreuen, sondern natürlich, um neben den Haien zu schwimmen."
Im zweiten Teil unternimmt Baumheiler Ivo im Auftrag eines deutschen Pharmakonzerns eine Reise in die sibirische Tundra. Ivo soll ein Exemplar der sagenumwobenen Dahurischen Lärche nach Deutschland bringen, deren Rinde medizinische Zauberkräfte haben soll. Als Führer vor Ort bekommt Ivo den 13-jährigen Spirou an die Seite, der seinen Namen aus einem belgischen Comic geborgt und sein Deutsch mit selbigem gelernt hat. Die gemeinsame Reise führt die beiden in eine unterirdische Verbrecherrepublik, wo man es mit den selbstverfassten Gesetzen sehr genau nimmt. Tödliche Waffen sind verboten - sehr sinnvoll, denn es wimmelt schließlich von Verbrechern, aber auch die Verbrechermoral wird hoch gehalten: Man wäre niemals bereit, die Lärche und deren Extrakte zu vermarkten.
Grundnahrungsmittel in der Verbrecherrepublik ist der Fliegenpilz, die Prostitution liegt in den Händen der Frauen und an vielen Tagen sind die Farben völlig verschwunden, sodass man sich in einem Schwarz-Weiß-Film befindet, natürlich Louis Malle mit Miles-Davis-Soundtrack.
Ach, und einen Fall gibt es ja auch noch: Fünf ermordete Prostituierte - und genau da treffen Lilli und Ivo nach 20 Jahren wieder aufeinander, denn Lilli ist mit dem Fall beschäftigt, der wiederum direkt mit der Dahurischen Lärche zu tun hat. Man fragt sich manchmal, ob Steinfest die halluzinogenen Kräfte des Fliegenpilzes nutzt beim Verfassen seiner Texte oder wie sein Held Ivo Arsenglobuli bevorzugt.
Markus Boysen intoniert den leicht gekürzten Text ganz wunderbar, leicht nasal, aber das passt natürlich zur Klingonennase.

Heinrich Steinfest