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Gelesen von Peter Bieringer
Vorgestellt von Stefan Maelck
Dystopien, früher sagte man auch Anti-Utopien, haben Konjunktur. Genau wie im Bereich Fantasy überwiegt der Schrott. Hin und wieder aber fällt ein Text heraus, der sich in die Orwell-Huxley-Tradition stellen lässt und der wirklich Science-Fiction ist und etwas wagt.
Die gekürzte Lesung ist auf acht CDs bei Osterwold Audio erschienen.
Bei Hugh Howey wohnen die Menschen in einem Silo, der tief in die Erde ragt. Die Atmosphäre ist vergiftet, hinaus darf nur, wer zur sogenannten Säuberung der Aussichtslinsen in den Tod geschickt wird. Noch kam niemand von der Säuberung zurück. Der Silo ist im Sinne der klassischen Hierarchie angelegt: Umso höher man kommt, umso mächtiger sind die, die dort sitzen. Jedes der Stockwerke hat seine eigenen Aufgaben. Die Gesellschaft funktioniert, aber nur so lange, wie niemand sie hinterfragt.
Alles beginnt mit Sheriff Holsten, der freiwillig zur Reinigung antritt, um seiner Frau zu folgen. Die hatte vor drei Jahren herausgefunden, dass die IT-Abteilung das Leben aller Silo-Bewohner manipuliert, die Geschichte des Silos vernichtet und die Menschen in einer unnötigen Abhängigkeit und Unwissenheit hält. Daraufhin wird Juliet Nichols, eine Mechanikerin aus den unteren Stockwerken, zum neuen Sheriff. Das passt Bernard Holland, Chef der IT-Abteilung, überhaupt nicht. Schnell geraten die beiden aneinander.
Juliet stößt auf einen verschlüsselten Computer-Code, Holland lässt die Bürgermeisterin des Silos vergiften und übernimmt selbst die Führung. Unter falschem Vorwand schickt Holland Juliet zur Reinigung, doch Juliet überlebt. Ihre Verbündeten in der Versorgungsabteilung sorgen dafür, dass endlich mal ein Schutzanzug hält. Und Juliet überlebt nicht nur, sie stößt auf einen anderen Silo und findet dort einen Überlebenden und Verbündeten, der ihr hilft, zu Lukas, Juliets heimlicher Liebe aus ihrem Heimatsilo, Kontakt aufzunehmen. Juliet weiß längst, dass die Silos ringsum alle nach demselben Prinzip angelegt sind und dass die Menschen in den Silos Teil eines gigantischen Experiments sind.
Hin und wieder wirkt das natürlich alles arg konstruiert, und doch kann man sich der Spannung des Plots nicht entziehen. Lukas, den Holland einst als sein Nachfolger auserkoren hatte, ist ebenfalls in Ungnade gefallen und soll raus zur Reinigung, allerdings wieder mit einem porösen Schutzanzug. Im Silo tobt die Revolte, und Juliet bleiben nur wenige Stunden, um Lukas zu retten.
Regisseur Ridley Scott soll Howeys Stoff sogar verfilmen. Mal sehen, wie Scott diese Geschichte in Bilder umsetzt. Eine so stark philosophische Vorlage wie "Blade Runner" von Philip K. Dick bietet der Text zwar nicht, hat aber alle Versatzstücke für einen bildgewaltigen Endzeitstreifen.
Der Hörbuch-Sprecher Peter Bieringer liest den Text absolut großartig, verfügt über ein riesiges Arsenal von Stimmen und Tonlagen - den möchte man öfter hören.

Hugh Howey