Lesenswerte Bücher vorgestellt
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Aus dem Spanischen von Roberto de Hollanda
Gelesen von Walter Kreye
Vorgestellt von Annkathrin Bornholdt
Die neun CDs umfassende Hörbuch-Version ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.
Almudena Grandes gehört zu den bekanntesten und erfolgreichsten Gegenwarts-Schriftstellerinnen Spaniens. Sie hat für ihre Bücher zahlreiche Preise gewonnen, ihre Werke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Mario Vargas Llosa hat sie einmal als "eine der besten Schriftstellerinnen unserer Zeit" bezeichnet.
Immer wieder befasst sich Grandes in ihren Büchen mit dem spanischen Bürgerkrieg und den Folgen der Franco-Diktatur. In ihrem neuen Buch "Der Feind meines Vaters" erzählt die Autorin die Geschichte eines kleinen Jungen, der zur Zeit des Franco-Terrors aufwächst. Die Geschichte beruht auf den Erlebnissen eines Freundes der Autorin.
"Die Wände der Kaserne konnten keine Geheimnisse für sich behalten. In der absoluten Stille, während der Stunden voller Angst, wenn das Grauen einem die Kehle zuschnürte, sogen sich die dünnen, fast porösen Wände voll mit Schreien, schwachem, nutzlosem Protest und Geräuschen von Körpern, die in Ecken aufschlugen, noch mehr Schreien, bekannten Stimmen, die zusammenhängende Sätze sprechen konnten, und dann nur noch Heulen, sinnloses, endloses Kreischen."
Mit ihrer kraftvollen Sprache zieht Grandes einen mitten hinein in eine düstere Episode spanischer Geschichte. Es sind die späten 40er-Jahre, die Zeit des jungen Franco-Regimes.
In einem kleinen Dorf in Andalusien lebt der neunjährige Nino mit seiner Familie in einer Kaserne. Sein Vater ist Beamter bei der Guardia Civil. Es sind unruhige Jahre in der Provinz. Republikanische Widerstandskämpfer haben sich in die Berge zurückgezogen. Die Guardia Civil geht brutal gegen die "Roten" vor. Unter ihnen wähnen sie auch den legendären Rebellen Cencerro, den viele im Dorf heimlich verehren, auch der kleine Nino.
Nino wächst in einer Zeit voller Misstrauen auf. Jeder im Ort, der in Verbindung mit den Roten gebracht werden kann, muss um sein Leben fürchten. Der eigene Vater foltert und tötet für die Guardia Civil. Tod, Gewalt, Angst und Heimlichtuerei bestimmen den Alltag der Menschen.
Nino sucht in dieser beklemmenden Zeit Orientierung. Die Liebe zu Büchern gibt ihm Halt und die Freundschaft zu Pepe, dem Portugiesen, einem netten Kauz, der allein in einer Mühle wohnt. Doch auf wessen Seite steht der Portugiese und welchen Weg soll Nino in seinem Leben einschlagen?
Grandes hat eine fesselnde Freundschafts- und Abenteuergeschichte geschrieben, in der es um das Erwachsenwerden in einer schwierigen Zeit geht.
Hervorzuheben ist die Übersetzung von Roberto de Hollanda, der auch im Deutschen die Kraft von Grandes' Sprache bewahrt hat.
Leider hat die Hörbuchredaktion stark in den Originaltext eingegriffen. Gekürzte Passagen wurden durch neu eingefügte Halbsätze gerafft. Das ist schade bei einer Autorin, deren große Stärke die sprachliche Ausschmückung ist. Wer Grandes ungekürzt genießen will, sollte zur Printausgabe greifen.

Almudena Grandes