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Vorgestellt von Andrea Schwyzer
Ein Hörbuch über Mord, Intrigen, Trunkenbolde und Gespenster unterm Birnbaum.
Insgesamt vier Mal wurde die Hörspiel-Adaption von Theodor Fontanes Kriminal-Roman "Unterm Birnbaum" inszeniert: Jeweils in der Bearbeitung des Lyrikers und Hörspielautors Günter Eich. Nun ist im Hörverlag die dritte Fassung erschienen – eine Produktion des NDR und des Bayrischen Rundfunks aus dem Jahr 1961.
Bevor die eigentliche Geschichte beginnt, entführt Günter Eich den Hörer mit einem Gedicht über die Oder in seine Heimat: "Unruhe in Ackerfurchen und Holundergebüsch, Unverständliches in den Herzen, das Vollkommene gedeiht nicht." Eichs bekundete Verbundenheit mit der Region macht das persönliche Interesse an Fontanes Erzählung deutlich. Und wer "Unterm Birnbaum" anschließend hört, ist gedanklich bereits dort, wo die Geschichte spielt...
"Man sagt, es sei viel getrunken worden an diesem Abend. – Viel schon, Herr Justizrat, aber auch nicht übermäßig viel. Wir haben bei Hradscheck schon öfter eine ganze Menge getrunken, ohne dass einer ermordet worden ist. – Wieso! Ist einer ermordet worden? – Nun, ich dachte, deswegen werden wir hier verhört."
Seine Leiche wurde noch nicht gefunden, aber verschwunden ist er: Der Geschäftsmann Szulski, der nach einem Besuch im Gasthaus von Abel Hradscheck scheinbar mit Pferd und Wagen in die Oder gestürzt ist. Das Hörspiel steigt ein mit dem Verhör der Zeugen.
Herrlich knorrige Stimmen erzählen in rund 70 Minuten von den Ermittlungen gegen Gastwirt Hradscheck, gesprochen von Heinz Klevenow. Stimmen, die beim Luftholen röhren und kratzen. Saufgelage und Gelächter am Stammtisch – man sitzt mitten in dieser muffigen, schlecht beleuchteten Gaststube.
Dem Hörspielautor und Lyriker Günter Eich zieht die Hörer in "Unterm Birnbaum" in seinen Bann.
Autor Günter Eich hat sich selten zu seiner Hörspielarbeit geäußert – und das bei über 100, unter anderem preisgekrönten Stücken und Texten. Über seine Bearbeitung von "Unterm Birnbaum" schrieb er allerdings: "Es galt, die krause und behaglich-weitschweifige Handlungsführung zu vereinfachen und die Zahl der Figuren und Situationen zu vermindern. Was dabei an Fontaneschem Charme notwendig verloren ging, hofft der Bearbeiter wenigstens durch vermehrte Spannung ersetzt zu haben."
Ursel Hradscheck, die als Geist ihren Ehemann in den Keller lockt und auch der getötete Szulski, gesprochen von Siegfried Lowitz, spricht aus dem Jenseits zu seinen Mördern.
Gruselig ist allerdings weniger die Tatsache, dass in dieser Bearbeitung Gespenster vorkommen, als dass eine glaubhafte Atmosphäre geschaffen wird, die den Hörer wie ein Sog zu diesen Bewohnern an der Oder zieht. Als ob es sie tatsächlich so gegeben hätte – inklusive Mord und Birnbaum.

Theodor Fontane