Hamburg - das Tor zur Welt
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In unserer Sommerserie "Hexen, Hanse & Historie" stellen wir fünf norddeutsche Autoren historischer Romane vor. Teil 1: Cay Rademacher
"Auf dem langen Rückweg hat der Oberinspektor viel Zeit zum Nachdenken. Einmal muss er einer britischen Streife seinen Kripo-Ausweis zeigen. Ansonsten sieht er niemanden. Es ist, als sei Hamburg leer, die Ruinen und aufgerissenen Straßen, die ausgeweideten Läden und zerbombten Bahnhöfe aufgegeben von den Bürgern, die fortgezogen sind, um anderswo eine bessere Stadt aufzubauen." (Buchzitat)
Im ungewöhnlich kalten Nachkiegswinter 1946/47 waren immer noch rund 250.000 Hamburger Häuser und Wohnungen zerstört. Die Menschen froren, der Schwarzmarkt blühte.
Vier Tote, entkleidet und an vier verschiedenen Orten der Stadt in den Trümmern abgelegt. Oberinspektor Frank Stave muss eine rätselhafte Mordserie aufklären. Eine schwierige Aufgabe im zerstörten Nachkriegs-Hamburg. Es ist bitterkalt, die Opfer werden anscheinend von niemandem vermisst, die Polizei der Hansestadt formiert sich gerade erst neu. Und Stave quälen auch private Sorgen: Seine Frau kam bei einem Bombenangriff um. Von seinem Sohn fehlt jede Spur. Ist er noch am Leben?
Der jüngeren Vergangenheit widmen sich nur wenige Schriftsteller historischer Romane. Ein Autor aus Hamburg hat es gewagt, einen historischen Krimi zu schreiben, der in einer Zeit spielt, die viele noch erlebt haben. "Der Trümmermörder" heißt das Buch von Cay Rademacher. Es spielt im sogenannten Hungerwinter 1946/47 in Hamburg.
Der Autor ist bei Recherchen für einen Artikel zur Nachkriegszeit auf den spektakulären Kriminalfall gestoßen: "Das war eine Mordserie in diesem Hungerwinter 1947, die nie aufgeklärt worden ist. Und wie das als Journalist so ist, da bleibt man hängen. Ich konnte das zwar nicht verwenden für meinen Artikel, aber mich hat es halt nie wieder losgelassen. Und ich hab gedacht, das muss ich mir einfach noch mal vornehmen. Da man den Fall nicht auflösen kann. Er ist nie gelöst worden, obwohl die Kripo viel getan hat, hab ich gedacht - okay - ich schreibe einen Krimi."
Im Kriminalroman hat sich der studierte Historiker natürlich eine Lösung für den Fall ausgedacht. Bei der Schilderung der Leichenfunde orientierte sich Rademacher an den historischen Fakten. Die Fundorte der Leichen, ihr Aussehen, die Fahndungsplakate der Polizei: Viele Informationen konnte er den alten Dokumenten der Hamburger Kriminalpolizei entnehmen. Die Akten gibt es noch, denn Mord verjährt nicht.
Ein historischer Roman, der in der Nachkriegszeit spielt: Für Rademacher war das eine besondere Herausforderung. Er ist Jahrgang 1965, kennt die Trümmerzeit nur aus Erzählungen und seinen Recherchen in Museen und Archiven. Und so kommt es gelegentlich vor, dass ihn Zeitzeugen auf kleine Fehler hinweisen: "Ich hab sehr viele Reaktionen bekommen, sehr viele Leserbriefe, auch bei den Lesungen sehr viele. Zum Glück hat mich keiner wirklich hingerichtet, aber ein paar haben schon gesagt: Also hier: Ich hab' die Zigaretten für 'ne Reichsmark mehr bekommen auf dem Schwarzmarkt. Oder jemand hat mir geschrieben, wo er recht hat, bei dir kommen immer amerikanische Zigaretten vor, Lucky Strike und solche Sachen, aber hier gab es natürlich auch englische Zigaretten und dann nennt er mir ein paar und wie die aussahen."
Bei den Recherchen für einen Artikel zum Thema Nachkriegszeit stieß Cay Rademacher auf den spektakulären Kriminalfall.
Cay Rademacher war bei den Recherchen überrascht, wie viele Spuren aus den 40er-Jahren heute noch zu entdecken sind. Mit seinem historischen Krimi öffnet er seinen Lesern auch die Augen für ein Stück Hamburger Geschichte.
Der Autor lebt mit seiner Familie in der Hansestadt. Geboren wurde er 1965 in Flensburg. Er studierte Angloamerikanische Geschichte, Alte Geschichte und Philosophie in Köln und Washington. Seit 1999 ist Rademacher Redakteur bei "GEO", baute das Geschichtsmagazin "GEO Epoche" mit auf und ist heute dessen Geschäftsführender Redakteur.
Er schreibt Sachbücher und historische Romane. Sein Spezialgebiet ist die Rekonstruktion historischer Begebenheiten verschiedener Zeitepochen - vom Ägypten zur Zeit der Pharaonen über das Mittelalter bis hin zu Ereignissen in der jüngsten Geschichte - und deren Verknüpfung mit einer fiktiven Handlung. Und eines sei schon verraten: Oberinspektor Stave ermittelt weiter.
Warum eignet sich Hamburg als Schauplatz für historische Romane?
"Hamburg ist eine große und eine alte Stadt. Hamburg hat sehr viel erlebt, weil sie als Hafenstadt immer bedeutsam war. Hamburg ist auch interessant, weil es - das ist mein spezieller Fall - im zweiten Weltkrieg zerstört worden ist und wieder aufgebaut werden musste. Und das gibt eine sehr interessante, aber auch gruselige Kulisse ab."
Wo hält sich Ihr Held am liebsten auf?
Am liebsten ist er zu Hause in seiner Wohnung, auch wenn er da Alpträume hat. Aber de facto ist er dann doch am meisten im Zentrum der Kriminalpolizei gegenüber von der Musikhalle.
Wie finden Sie Ihre Ideen?
"Meine Idee hab ich durch Zufall gefunden. Ich habe für einen Artikel für GEO Epoche recherchiert und bin dabei über einen Kriminalfall gestolpert, von dem ich vorher noch nie etwas gehört hatte und habe von da aus angefangen zu recherchieren.
Und sonst ist es meist so, dass mir, wenn ich über bestimmte Epochen etwas lese, ganz egal, welche Kultur und welche Zeit, bestimmte Dinge auffallen. Warum, weiß ich gar nicht. Aber ich sag' mir, das ist interessant. Und von dieser Neugier, wenn man irgendwo hängen bleibt, fange ich dann an, zu recherchieren. Also letztlich wie beim 'Trümmermörder', nur dass es da schon sehr zielgerichtet war, weil ich vorher schon an diesem Artikel für GEO recherchiert habe."