Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl

Eine Frau trägt sich in ein Kondolenzbuch für Hannelore Kohl ein. © dpa Detailansicht des Bildes Am 5. Juli 2001 hat sich Hannelore Kohl das Leben genommen. Zuletzt war es ein Leben im Dunkeln. Sie hat sich abgeschottet, hinter Jalousien verschanzt, kein Licht mehr ertragen. Gegen Licht war Hannelore Kohl, wie es hieß, seit einer fatalen Penicillin-Einnahme allergisch. Mehr als 30 Jahre im Rampenlicht - und doch meist nur als Schatten an Helmut Kohls Seite - waren genug. Am 5. Juli 2001 setzt sie ihrem Leid im Oggersheimer Bungalow ein Ende.

Der Journalist und Chronist der Bonner Republik Heribert Schwan hat nun Leben und Sterben der Hannelore Kohl aufgeschrieben. Da gerät manche Legende ins Wanken, wie er sagt: "Objektiv gesehen hatte sie keine Lichtallergie. Sie hatte eine andere Krankheit: Sie war in hohem Maße depressiv. Sie war auch von Tabletten abhängig - zum großen Teil. Sie wollte aber keine Hilfe haben von Psychotherapeuten. Sie wollte nicht Licht hineinlassen in ihre Seele."

Selbstmord nicht überraschend

Heribert Schwan. © NDR Detailansicht des Bildes In seiner Biografie schildert Heribert Schwan eine tief vereinsamte, früh traumatisierte Hannelore Kohl. Die großbürgerliche Kindheit der sprachbegabten und intelligenten Hannelore, Jahrgang 1933, endet jäh mit dem Krieg. Die Geburtsstadt Leipzig liegt in Trümmern, ebenso die Karriere des Vaters, Nazi aus tiefster Überzeugung, Direktor eines großen Rüstungskonzerns. Mit zwölf Jahren, so Heribert Schwan, wird sie von einem russischen Soldaten vergewaltigt.

Wir treffen eine Spielfreundin von Hannelore: Rena Krebs. Die beiden wohnten im selben Haus. Bis zu ihrem Tod war Rena Krebs mit Hannelore Kohl eng befreundet. Der finale Schritt der alten Freundin kam für sie nicht wirklich überraschend: "Mir war nichts mehr eingefallen, womit ich sie trösten oder unterstützen konnte. Das, was mir eingefallen war, hatte ich alles gesagt oder versucht zu veranlassen. Die Telefongespräche waren relativ kurz. Sie erkundigte sich nach mir, was sie immer machte. Sie war eine fürsorgliche Freundin. Und wenn ich sagte: 'Wie geht es Dir?', sagte sie nur: 'Frag nicht. Frag nicht.'"

Familienidylle für die Öffentlichkeit

Der Bundesvorsitzende der CDU und Oppositionsführer im Deutschen Bundestag, Dr. Helmut Kohl, mit seiner Frau Hannelore beim Skilanglauf während eines Kurzurlaubs auf der Sonnenalp bei Oberstdorf im Allgäu im Januar 1978. © picture-alliance / dpa Fotograf: Heinz Wieseler Detailansicht des Bildes Posieren für die Presse: Das Ehepaar Kohl beim Skilanglauf im Januar 1978. Die Familienidylle - gern demonstriert, wenn Fernsehteams für eine Homestory im Wahlkampf anrücken - ist trügerisch, kaum mehr als Fassade. Hannelore Kohl hält all das am Ende offenkundig nicht mehr aus. "Hannelores beste Freundinnen haben schon sehr früh gesagt: 'Mach dich nicht kaputt. Dieses Leben an der Seite dieses Mannes, dieses Kanzlers der Einheit, hältst du nicht aus. Es gibt nur einen Weg, um befreit zu werden. Das ist die Scheidung'", erzählt Heribert Schwan.

Aber nach außen demonstriert sie, diszipliniert, hart gegen sich, immer wieder die Einheit der Eheleute: unverbrüchliche Solidarität mit ihrem Mann. "Hannelore ist nicht der Mensch, der einer nahen Freundin gegenüber über ihren Mann gejammert hat", erinnert sich Rena Krebs.

Hannelore Kohl - ein Opfer der CDU-Spendenaffäre?

Oggersheim wird zur Chiffre der Einsamkeit. Der Mann macht Karriere in Bonn und Berlin. Hannelore bleibt in der Pfalz mit den Söhnen zurück. Helmut Kohl ist bald nur noch Gast im eigenen Haus, zieht seine Frau nur noch selten ins Vertrauen. Die Konsequenzen seiner Handlungen aber - so das Buch - muss sie mittragen. "Es gibt verschiedene Gründe, warum sich Hannelore Kohl letztendlich umgebracht hat im Juli 2001", erklärt der Autor. "Der Hauptgrund zu diesem Zeitpunkt war die Spendenaffäre. Die Spendenaffäre hat Hannelore Kohl wirklich an den Rand des Wahnsinns gebracht."

Heribert Schwan:

Es gibt ein Todesopfer der Spendenaffäre, und das ist Hannelore Kohl!

"Das hat sie absolut runtergerissen, mitgenommen", ergänzt Rena Krebs. "Da kam sie auch eigens mal hierher: 'Was denkt Ihr?' Sie hat erzählt, dass man vor ihr ausspuckt." Sie bittet ihren Mann inständig, die Namen der Parteispender zu nennen - dies hat sie Schwan anvertraut. Doch Kohl schweigt trotzig. Hannelore Kohl sieht für sich keinen Ausweg. Sie erträgt die Isolation, die Ausgrenzung, die Anfeindungen nicht mehr. Die Wunden, die nicht vernarben wollen. Die Verletzungen, die sie auch in ihrer Ehe erfährt.

Die neue Frau in Helmut Kohls Leben

"Sie war einsam", erzählt Schwan. "Sie war allein, verlassen von ihrem Mann, verlassen von ihren Söhnen. Hannelore Kohl hat gewusst, dass Helmut Kohl eine Beziehung hatte damals in Berlin. Sie war zutiefst gekränkt und verletzt, nicht zuletzt, weil diese Frau viel, viel jünger war als sie, die sie krank darniederlag." Frage: "Das war dann wohl die Frau, die er später geheiratet hat?"
Heribert Schwan: "Genau sie war es."

Nein, Maike Kohl-Richter kommt nicht gut weg in diesem Buch. Die neue Gattin setzt, wie wir bei der Lektüre erfahren, viel daran, das Andenken an ihre Vorgängerin und deren Engagement für Hirnverletzte auszulöschen. "Ich fand es einfach ungerecht, wie sehr das Bild der Hannelore Kohl verblasste, wie sehr versucht wurde, die Erinnerung an diese Frau zu zerstören", sagt Schwan.

Gerade diese - vielleicht streitbare - Parteinahme macht die Biografie so überzeugend. Sie bringt uns ein beinah schon vergessenes Leben nahe: die traurige, durchaus exemplarische Vita einer gern unterschätzten Frau.

(Beitrag: Tilman Jens)

Buchcover: Die Frau an seiner Seite von Heribert Schwan. © Heyne Verlag

Die Frau an seiner Seite. Leben und Leiden der Hannelore Kohl

Heribert Schwan

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3453181755
  • Verlag: Heyne
  • Preis: 19,99 €
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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/literatur/hannelorekohl101.html
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Interview: Hannelore-Kohl-Biograf über die leidende ehemalige Kanzlergattin. (dradio.de)

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Hannelore Kohl zieht nach 16 Regierungsjahren Bilanz. Interview vom 24.09.1998. (ZeitOnline)

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