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Orientierung im Bücherdschungel - mit Denis Scheck.
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Darstellung der Brüder Jacob (re.) und Wilhelm Grimm.
Lange Zeit glaubten wir, die Brüder Grimm seien Märchenjäger- und Sammler gewesen. Sie seien durchs Land gezogen und hätten die Märchen erzählt bekommen. In Wahrheit war es anders, weiß Grimm-Forscher Zeinz Rölleke: "Sie sind nie, nie märchensammelnd über Land gezogen. Das ist eine alte Vorstellung, sie seien in die Köhlerhütten und Spinnstuben gegangen, so in dem Stil: Haben Sie nicht ein Märchen? Ist kein Wort von wahr: Die saßen brav in Kassel an ihrem Schreibtisch und warteten, dass die Erzähler kamen."
Warum die Erzähler zu den Brüdern Grimm kamen, beschreibt das Buch "Es war einmal". Eigentlich hatten Jacob und Wilhelm eine ziemlich moderne Methode: Sie schalteten Anzeigen. Männer suchen Märchen. Vor allem deutsche Märchen sollten es sein. "Die haben alle, ihre gesamte Umgebung, verrückt gemacht auf der Suche nach den Märchen", erzählt der Zeichner Albert Schindehütte. "Da gab es besonders erzählerisch begabte Leute, und zu denen muss wohl mein Vorfahre gehört haben. Der hat Geschichten erzählt im Tausch gegen ein Beinkleid."
Dieser Vorfahre war eine Ausnahme. Die meisten der Märchenerzähler waren gutbürgerlich und jung. Nun schenkt uns der Illustrator Albert Schindehütte Porträts der wahren Märchenerzähler, die sich bei den Grimms in gemütlicher Runde zum Kaffee trafen. Bei diesen Kränzchen der Grimms versammelten sich die jungen Menschen aus den besten Kinderstuben der Stadt und erinnerten sich an ihre Ammengeschichten und Gouvernantenmärchen. Eine helle Freude für die höheren Töchter: Marie Hassenflug aus einer Beamtenfamilie erzählte den Grimms von Dornröschen, Schneewittchen und Rotkäppchen. Anna von Haxthausen brachte Märchen aus Westfalen mit.
"Das Raffinierte dabei ist, dass fast die Hälfte der Anwesenden hugenottischer Abstammung war, und die kannten ihre französischen Märchen. Sie haben sie den Grimms vorerzählt - natürlich flott und eloquent, das waren hochgebildete junge Damen und natürlich im hessischen Dialekt, sodass die Grimms wahrscheinlich zunächst geglaubt haben: 'Ach, das ist hier echte hessische Überlieferung, nicht?'"
Die Grimms verkindlichten die Sprache. Die Märchenheldinnen wurden von "sie" zu "es", so auch Dornröschen.
Die urdeutschen Märchen sind gar nicht deutsch? Geklaut von den Franzosen? Eine Plagiatsaffäre im Hause Grimm? Nein, denn hier wurde nicht platt eingedeutscht, sondern eine eigene Märchensprache gefunden. "Die Gesamttendenz war, dass alles verkindlicht wurde", so Rölleke. "Statt Bett dann Bettchen oder statt Schüssel, Schüsselchen. Und dass alle weiblichen Märchenhelden aus 'sie' zu 'es' werden. 'Er berührte es mit dem Kuss', heißt es jetzt in Dornröschen."
Die Grimms brachten die Märchen in Form und machten sie jugendfrei. So wird Rapunzel im Orginaltext noch schwanger: "Rapunzel gewöhnte sich daran, den Prinzen lieb zu haben, und es dauerte nicht lange, da passte ihr kein Kleid mehr." Daraus machten die Grimms, weitaus schnöder: "Sie verabredeten, dass er alle Tage zu ihr kommen sollte." Verklemmter, aber erfolgreicher: Die Grimms machten die alten französisch-deutschen Geschichten zu viel Geld. "Das ist natürlich das Geheimnis von Wilhelm Grimm", sagt der Grimm-Forscher. "Er würde sagen: 'Das ist wie eine Coca-Cola-Rezeptur, das erfährt keiner, das weiß nur ich, wie man sowas macht.' Und er hat mit seinem Bruder unendlich Wertvolles gerettet, von dem wir heute sonst gar nichts mehr wüssten!"
Der Erfolg basiert bis heute auch auf dem PR-Geschick der Brüder: Die Grimms pflegten ihr Image als volksnahe Märchenjäger- und sammler. Ihre hartnäckigen Recherchen und die Kaffeekränzchen in Kassel verschwiegen sie lieber: Sie wussten schließlich, wie man aus einer einfachen Geschichte ein wunderbares Märchen macht.
(Beitrag: Eva-Maria Lemke)

Heinz Rölleke (Hrsg.)