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Orientierung im Bücherdschungel - mit Denis Scheck.
Link in neuem Fenster öffnenNach außen hin kühl, innerlich ein glühender Vulkan. Einerseits Schauspielerin, andererseits Prinzessin. Grace Kellys perfekte Gesichtszüge verbargen zwei Leben, sagt Thilo Wydra, der gerade eine Biografie über die Schauspielerin veröffentlicht hat. "Grace Kelly ist ein zerrissener Mensch. Sie war jemand, der einerseits sehr lebensfroh war, sehr lebendig, sehr lustig, sehr laut, früher als Schauspielerin wild gefeiert hat. Champagner war ihr Lieblingsgetränk, sie hat nackt auf Tischen getanzt. Auf der anderen Seite war sie ein sehr introvertierter, reservierter, ängstlicher Mensch, der niemand an sich rangelassen hat."
In ihren Rollen verdrehte Grace Kelly allen den Kopf. Als Kind ist sie dagegen unscheinbar, ein Außenseiter. Während sich ihre Familie für Sport begeistert, liest Grace lieber. Die, die später alle wegen ihrer Aura feiern, ist für ihre Eltern unsichtbar. "Das ist die Person, die zu Hause am Esstisch saß, und wenn es Besuch gab, hat niemand mit ihr geredet", sagt Wydra. "Und irgendwann hieß es: 'Gracie-Darling ist ja auch noch da.' Aber sie hatte auch einen immensen Willen, eine ganz starke Willenskraft, weswegen sie es letzten Endes auch zum Oscar geschafft hat und zur Fürstin von Monaco."
Am Anfang steht ein dominanter Vater: Jack Kelly. Sie versucht alles, um ihm zu gefallen - vergebens. Das zeigt Thilo Wydra in seinem detaillierten psychologischen Porträt "Grace". Ihre Eltern mischen sich auch in ihr Beziehungsleben ein. "Grace Kellys Leben ist auch ein Leben auf der Suche nach Anerkennung. Es geht die Legende, dass selbst als sie den Oscar bekommen hat, was nun die Krönung im filmischen Showgeschäft ist, Jack Kelly nur gesagt haben soll: 'What the fuck is an oscar?'"
Ein Film, der die junge Schauspielerin berühmt machte: James Stewart und Grace Kelly im Hitchcock-Film "Das Fenster zum Hof" (1954).
Die Anerkennung, nach der sich Grace Kelly so sehr sehnt, bekommt sie in Hollywood. Mit nur 25 Jahren ist sie schon eine großartige Charakterdarstellerin. Auch durch ihre Aura, ihre Intensität werden die Hitchcockfilme "Das Fenster zum Hof" (1954) oder "Bei Anruf Mord" (1954) zu Klassikern. Nun bekommt sie zwar Applaus, doch die Glitzerwelt von Hollywood bleibt der bodenständigen Grace immer suspekt. Lediglich ihrem Freund und Mentor Alfred Hitchcock fühlt sie sich ihr Leben lang verbunden. Ihre Beziehung ist geprägt von gegenseitigem Respekt. Die einst Unsichtbare kann nur nicht verstehen, was er und der Rest der Welt eigentlich an ihr finden. "Wenn Grace Kelly den Raum betreten hat, dann war alles mucksmäuchenstill", so Wydra. "Und ihr war das unerträglich peinlich, weil sie das nicht wollte. Sie wollte gar nicht, dass sie im Fokus steht."
Biograf Wydra zeigt akribisch, wie Film und Leben ineinander übergehen. In "Über den Dächern von Nizza" (1955) brettert Grace genau die Straßen herunter, auf denen sie später verunglücken wird. Ihr größter Rollenwechsel beginnt nach einem halbstündigen Pressetermin mit Fürst Rainier in Monaco. Obwohl die beiden sich kaum kennen, verloben sie sich. Welches Opfer die leidenschaftliche Schauspielerin mit dieser Entscheidung bringen muss, ahnt sie nicht. Ein Journalist fragt sie: "Werden Sie Ihre Karriere fortsetzen?" - "Diese Entscheidung wird der Prinz treffen." Eine Journalistin wendet sich an Fürst Rainier: "Wird Miss Kelly weitere Filme machen, sofern welche anliegen?" - "Ich glaube nicht", lautet seine Antwort.
Am 19. April 1956 heiratet Grace Kelly Fürst Rainier III. von Monaco.
Grace Kelly wird 1956 zu Gracia Patricia von Monaco. Später wird sie sagen, dass ihre Hochzeit der schlimmste Tag ihres Lebens war. Sie ist nun Mutter - die ihrer Kinder und die eines Landes. Nach außen die perfekte Repräsentantin, die ihre eigenen Bedürfnisse allem unterordnet. Als ihr Freund Alfred Hitchcock ihr eine weitere Rolle anbietet, wird sie aus Staatsgründen gezwungen abzusagen. "Es heißt, dass sie sich eine Woche eingesperrt hat, mit niemandem mehr geredet hat und dass ein Teil von Grace Kelly in dieser Woche zerbrochen ist", erzählt Wydra.
Was genau kurz vor ihrem Tod 1982 passiert ist, als sie viel zu schnell in eine Kurve schoss, bleibt auch bei Wydra unklar. War es ein Schlaganfall? Fuhr doch Tochter Stefanie? Grace Kelly stirbt mit 52 Jahren. Ihr Tod machte sie zur Legende und riss ein Loch in die Seele Monacos. "Ich habe gespürt, dass die Menschen teilweise immer noch um sie trauern", erzählt ihr Biograf. "Dass die Freundin Grace fehlt, dass die Mutter Grace fehlt, und dass da immer noch etwas ist. Eine Sehnsucht nach ihr, nach dieser Frau, nach dieser großen Persönlichkeit, die sie war."
(Beitrag: Maryam Bonakdar)

Thilo Wydra