Geld gegen Freiheit: Menschenhandel in der DDR

Der innerdeutsche Menschenhandel zwischen DDR und BRD war ein florierendes Geschäft, das offiziell nie existierte. Die Absprachen liefen über klandestine Kanäle. Im Westen über Anwälte der Kirche, im Osten über die Kanzlei des Anwalts Wolfgang Vogel, der von der Staatssicherheit instruiert wurde. Die DDR konnte auf diese Weise politische Häftlinge loswerden und sogar Devisen einnehmen. Der Westen verhalf den oftmals wegen lächerlicher Vergehen weggesperrten DDR-Häftlingen zu Freiheit und Ausreise. Eine humanitäre Tat, sicher. Aber auch ein fragwürdiges Geschäft mit dem Schicksal von Menschen. Im Buch "Freigekauft" erzählen nun ehemalige politische Gefangene die Geschichte ihrer Ausreise in die BRD.

Wie in einem Agentenfilm: Geldübergabe an der innerdeutschen Grenze

Ludwig Rehlinger, Staatssekretär a.D. © NDR Detailansicht des Bildes Seit der Wiedervereinigung hat Staatssekretär a.D., Ludwig Rehlinger, immer wieder detailliert über den Menschenhandel in der DDR berichtet. Es muss gewesen sein wie in einem Agentenfilm: Ein deutscher Ministerialbeamter begibt sich in geheimer Mission von West- nach Ostberlin. Er nimmt die S-Bahn. Mit einem Koffer voll Geld. Es ist der ehemalige Staatssekretär Ludwig Rehlinger, der von der Geldübergabe berichtet: "Das hat begonnen mit einer Bargeldzahlung, und dieses Bargeld habe ich selber überbracht. Pro Kopf 30.000 D-Mark. Natürlich ist das keine schöne Sache. Aber es ist vertretbar." Auf der anderen Seite der Grenze nimmt Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Vogel das Geld entgegen, ohne es zu quittieren. Der erste Deal ist perfekt. Vier Häftlinge kommen frei. Über 30.000 sollen folgen. "Man kann das ganze Geschehen nur beurteilen", erzählt Rehlinger weiter, "wenn man sich noch einmal zurückversetzt in die Zeit damals. 1963, zwei Jahre nach dem Bau der Mauer, nachdem Deutschland zerrissen worden ist, mit Willkür und einer Menge politisch Verfolgter in der DDR."

Republikflucht, Schauprozess, Zuchthaus - das Schicksal vieler DDR-Häftlinge

Dietrich Gerloff, ehemaliger Häftling der DDR © NDR Detailansicht des Bildes "Das war für mich die Erlösung", sagt Dietrich Gerloff. Die BRD hatte den ehemaligen DDR-Häftling freigekauft. 1961 steigt dort die Zahl politischer Häftlinge steil an. Es gibt ein neues Delikt: Republikflucht. Acht Tage nach dem Mauerbau ist eine Gruppe junger Leute auf einer Schiffsreise "Rund um Bornholm", aber der Kapitän ändert den Kurs. Als die Passagiere protestieren, kommt die Grenzmarine und stoppt die angebliche Republikflucht. Ein Schauprozess beginnt. Acht Jahre Zuchthaus. Dietrich Gerloff gehört zu den ersten, die freigekauft werden. Stasi-Chef Erich Mielke persönlich gibt sein Einverständnis. Geld gegen Freiheit - ein für alle Seiten vorteilhaftes Geschäft - auch für den ehemaligen Häftling Dietrich Gerloff: "Das war für mich die Erlösung überhaupt. Ich meine, acht Jahre! Wenn ich in der DDR verblieben wäre - was hätte ich noch vom Leben gehabt?" Ein makabres Geschäft, das es eigentlich nicht hätte geben dürfen.

3,4 Milliarden D-Mark für über 30.000 Häftlinge

Egon Bahr, Bundesminister a.D. © NDR Detailansicht des Bildes Von 1972 bis 1974 war Egon Bahr Bundesminister für besondere Aufgaben und ständiger Berater Willy Brandts in Fragen der Ost-Politik. Initiiert wird der Freikauf von Adenauers Minister für gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel. Das Problem: Die Bundesrepublik erkennt den Staat DDR nicht an, kann also auch keine Verhandlungen mit ihm führen. Das übernehmen kirchliche Anwälte im Westen und der in der SED für den sogenannten Humanitärbereich zuständige Anwalt Dr. Vogel. Egon Bahr, damals Bundesminister, zu diesem Geschäft: "Adenauer war ja bekanntlich nicht pingelig und hat gesagt, wenn man für Geld Menschen frei bekommen kann, dann soll man es tun. Und so ist es dann gelaufen. Auch mit allen seinen Nachfolgern, also über Barzel bis Wehner. Und ich erinnere mich insbesondere daran, dass es keinen Fall gegeben hat, der mir zur Kenntnis gekommen wäre, bei dem jemand, der diese Möglichkeit hatte, diese abgelehnt hätte." Kein einziger Häftling will zurück in die DDR. Unfreiwillig unterstützt er trotzdem den Sozialismus: als Devisenbeschaffer. Bis 1989 sind es 3,4 Milliarden D-Mark, die im Staatshaushalt der DDR Löcher stopfen.

Egon Bahr: "Stolz war niemand"

Alle Versuche in den 1970er-Jahren, den Menschenhandel vertraglich zu regeln, scheitern. Die DDR kann nicht zugeben, dass sie Menschen verkauft. Und der Westen nicht, dass er dieses System finanziert und damit erst ermöglicht. Es war ein Handel jenseits von Moral, sagt Egon Bahr: "Von Moral konnte keine Rede sein, sondern es war eben eine besondere Beziehung, auf die niemand stolz war." Sogar mit der Presse wird - von wenigen Ausnahmen abgesehen - ein Stillhalte-Abkommen geschlossen, um den Handel nicht zu gefährden. Nachzulesen ist das alles jetzt in dem Buch "Freigekauft", das detaillierte historische Informationen bietet. Es liest sich wie eine einzige Erfolgsstory nach dem Motto: "Geld hilft"! Aber: Korrumpiert es nicht auch?

Übers Gefängnis in die Freiheit - ein riskanter Weg, die Republik zu verlassen

Uta Franke, ehemaliger Häftling der DDR © NDR Detailansicht des Bildes Uta Franke saß wegen "staatsfeindlicher Hetze" in Haft und wurde 1981 von der BRD freigekauft. Bei den Häftlingen spricht sich in den 1980er-Jahren herum, dass man so in die Freiheit gelangen kann. Uta Franke hatte in der DDR Flugblätter verteilt: "Nach dem Prozess kam ich ins Gefängnis. Dort lernte ich viele kennen, die wegen Republikflucht saßen. Und die haben mich dann informiert, dass es so was gibt ... Ja, und irgendwann kamen die Privatsachen dann in die Zelle, und man ging die Treppe runter, und im Gefängnis stand ein Magirus-Deutz-Bus. Diese Marke werde ich nie vergessen." Alle 14 Tage fuhren zwei Busse aus dem Westen zum Auslieferungsgefängnis Karl-Marx-Stadt, um die gekauften Gefangenen abzuholen. Auf DDR-Gebiet wurden sie eskortiert von der Staatsicherheit.

"Die haben getrampelt und geweint"

Horst Niepel, Busfahrer © NDR Detailansicht des Bildes Horst Niepel fuhr freigekaufte DDR-Häftlinge in die Bundesrepublik. Die Busse hatten eine Sondergenehmigung, sie fuhren immer auf der Überholspur. Und sie hatten eine überaus raffinierte Sonderausstattung, wie sich der Busfahrer Horst Niepel erinnert: "Da war noch das drehbare Nummernschild. Das wurde von dem Scheibenwischermotor betätigt. Das waren ein roter Knopf und ein schwarzer Knopf." Mit derlei Tricks soll geheim bleiben, woher die Busse kommen und wohin sie fahren. Auch die Insassen können kaum fassen, dass es jetzt nach allen Schikanen, nach Todesgefahr und Haft, so einfach geht - bis zur Grenze. Hier begrüßte sie Horst Niepel mit folgenden Worten: "Meine Damen und Herren, ab jetzt sind sie Bundesbürger", erinnert er sich. "Da war natürlich was los. Da haben die getrampelt und geweint und manche geheult."

Ein deutsch-deutsches Märchen, ohne jede Moral. "Freigekauft" ist ein bemerkenswertes Geschichtsbuch über eine bisher kaum bekannte - geschäftliche - Seite der deutschen Teilung. Versteht sich, dass beide Staaten beim Häftlingsfreikauf aus rein humanitären Motiven handelten. Aber in erster Linie doch mit Geld.

(Beitrag: Rayk Wieland)

Buchcover: Freigekauft von Kai Diekmann © Piper Verlag

Freigekauft: Der DDR-Menschenhandel

Kai Diekmann (Hrsg.)

  • Bestellnummer: 978-3492055567
  • Verlag: Piper (12. November 2012)
  • Preis: 17,99 €

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 07.01.2013 | 22:45 Uhr

NDR Logo
Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/literatur/freigekauft103.html
Logo der Sendung Kulturjournal © NDR
Geschichte
Massenkundgebung anlässlich der Gründung der DDR im Oktober 1949 in Berlin-Mitte. FDJ im Demonstrationszug vor der Humboldtuniversität. © picture-alliance/akg-images Fotograf: akg-images
 

Die Gründung der DDR

Am 7. Oktober 1949 wird die Sowjetische Besatzungszone zur DDR. mehr


Die Geburt der Bundesrepublik

Am 23. Mai 1949 wird das Grundgesetz feierlich verkündet. mehr


Grenzenlos im Norden - Der Mauerfall

Zeitzeugen erinnern sich an die Wendezeit 1989 im Norden. mehr


Die Mauer fällt: Wendezeit

Am Abend des 9. November 1989 ist die Grenze zu Westdeutschland offen. mehr


Die Wende existiert nicht

Ehemalige Häftlinge über ihre Zeit im Rostocker Stasi-Gefängnis. mehr