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Orientierung im Bücherdschungel - mit Denis Scheck.
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In seinem neuen Buch hat Umberto Eco einen hinterhältigen und abstoßenden Romanhelden geschaffen.
Das Kabinett des Professor Eco in seiner Mailänder Wohnung ist außergewöhnlich: Hinter verschlossenen Türen findet sich eine Sammlung antiquarischer Preziosen, bibliophile Schätze, die der Schriftsteller über ein halbes Jahrhundert gesammelt halt. Das Besondere dieser Eco'schen Kollektion: alles Hochstapeleien, Erlogenes, hochwertige Fälschungen! Umberto Eco hat eine Leidenschaft dafür: "Ich bin immer von Fälschungen fasziniert gewesen, auch von der Lüge. Das Lügen ist ja grundlegend für die menschliche Kommunikation. Es geht dabei um mögliche, um nicht existierende Welten. Sprechen über Tatsächliches, über Wirkliches, das kann auch ein Hund. Aber ein Hund kann eben nicht lügen."
Fälschung und Lüge sind auch das Thema seines neuen Romans "Der Friedhof in Prag". In dessen Mittelpunkt steht ein verruchter Betrüger - der Romanheld Simone Simonini, ein Notar, der Dokumente fälscht, Handschriften imitiert, der sich von Geheimdiensten, ob russisch, preußisch oder französisch, kaufen lässt. Er hasst vor allem die Juden, aber auch Republikaner und Deutsche, und er will den Antisemitismus anheizen.
Eco hat mit seiner jüngsten Romanfigur einen echten Anti-Helden erschaffen: "Es war meine Absicht, mit Simonini eine möglichst widerliche und abscheuliche Person zu schaffen, weil er der Träger all der rassistischen Vorurteile seiner Zeit ist. Er hat nicht nur die Affäre um den jüdischen Artilleriehauptmann Dreyfuss auf dem Gewissen, er hat auch die 'Protokolle der Weisen von Zion' zusammengestückelt. Ich glaube, ich habe mit ihm die vielleicht hinterhältigste und abstoßendste Figur der gesamten Literaturgeschichte geschaffen."
Der jüdische Friedhof in Prag wird bei Eco zur Bühne einer verheerenden Jahrhundertlüge. Mit historischer Akribie springt Eco in die Wirren des 19. Jahrhunderts, in dem der Antisemitismus triumphiert. Wieder einmal fordert, ja überfordert, Eco den Leser mit seinem enormen historisch-literarischen Wissen. In einem verwirrenden 500-seitigen Erzählnetzwerk bewegen sich durchweg authentische Figuren. Nur sein Held Simonini ist frei erfunden. Der setzt, im Auftrag der zaristischen Polizei, die Lüge von einem Rabbiner-Treffen auf dem Prager Friedhof in die Welt, auf dem das Komplott einer jüdischen Weltherrschaft geschmiedet wird.
Umberto Eco wurde am 5. Januar 1932 in Alessandria/Piemont geboren. Der Schriftsteller, Kolumnist und Philosoph gilt als bekanntester zeitgenössischer Semiotiker.
Nach dem Studium der Rechtswissenschaften, Philosophie und Literatur in Turin promovierte er 1954 zum Dr. phil. Seit 1971 ist er Professor für Semiotik an der Universität Bologna, von der Lehrtätigkeit hat er sich 2007 zurückgezogen. Eco ist unter anderem mit 33 Ehrendoktortiteln ausgezeichnet.
Der internationale Durchbruch als Schriftsteller gelang ihm 1982 mit dem Roman "Der Name der Rose", der auch verfilmt wurde.
Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.
Als Beweis bastelt er ein Dokument, das zur Hass-Bibel aller Antisemiten wird: "Die Protokolle der Weisen von Zion". Ein Dokument mit zweifelhafter Vergangenheit, wie Eco betont: "Die Protokolle gab es ja wirklich, und sie sind vielleicht eine der dümmsten Fälschungen. Sie sind voller Widersprüche, Collagen unterschiedlichster Texte. Aber sie hatten und haben einen großen Einfluss und eine katastrophale Wirkung. Ich behaupte nicht, dass die gesamte Juden-Vernichtung von diesen Protokollen abhängt, aber sicher reicht es, 'Mein Kampf' zu lesen, um ihren historischen Rang zu verstehen."
Der Schriftsteller-Philosoph Eco füllt seinen Roman bis zum Überlaufen mit geschichtlichen Fakten, Anekdoten, Personen und Deutungen. Er fabuliert mit Humor, blitzgescheit, und er erschlägt mit seiner Materialfülle. Die von ihm zitierten Weltverschwörungstheorien des 19. Jahrhunderts entsprechen den obskuren "9/11-Fantasien" von heute ebenso wie den kruden Propagandaschlachten eines Berlusconi.
Gert Heidenreich und Jens Wawrczeck lesen den Roman von Umberto Eco in ungekürzter Fassung.
mp3-Audio-CD
Verlag: Der Hörverlag (ab 11.10.2011)
ISBN: 978-3867177948
Preis: 16,99 Euro (unverbindlich)
Diese Theorien, so sieht es jedenfalls Eco, haben eine ganz spezielle Funktion: "Das Komplott ist eine essenzielle Einrichtung, denn es hilft den Menschen, die eigenen Niederlagen zu rechtfertigen. 'Es ist nicht meine oder unsere Schuld, sondern die Schuld einer geheimen Macht!' Was macht zum Beispiel Berlusconi? Die Kommunisten gibt es nicht mehr. Und die, die sich so nennen, haben nichts mit dem klassischen Kommunismus zu tun. Dennoch stützt Berlusconi seine gesamte Propaganda seit 20 Jahren darauf, dass Italien vor den Kommunisten gerettet werden muss. Und es funktioniert! Es funktioniert, weil die Leute einen Schuldigen brauchen", sagt Umberto Eco.
Alles an diesem schwerfälligen Romankoloss über den Judenhasser und Hasardeur Simonini ist in fünfjähriger penibler Arbeit recherchiert, ist Geschichte mit viel Fantasie erzählt. So dürften Eco-Fans, Wissensdurstige und Bildungssüchtige ihr Vergnügen daran haben.
In Italien war das Buch ein spektakulärer Erfolg. Überraschen den Bestsellerprofessor Eco Erfolge überhaupt noch? "Aber ja", meint der Romancier, "es überrascht mich immer wieder ein bisschen. Aber es gibt da dieses Phänomen: Wenn jemand zum Beispiel Gabriel García Márquez heißt und mit 'Hundert Jahre Einsamkeit' einen großen Erfolg hatte, dann kann er danach den 'Faust' oder auch die 'Göttliche Komödie' schreiben. Die Leute werden immer an sein erstes Buch denken. So ist es auch mit 'Der Name der Rose'. Bei meinem neuen Roman habe ich gedacht, dass alle meine Leser inzwischen gestorben wären. Ich habe diesen Erfolg nicht erwartet."
(Autor: Reinhold Jaretzky)

Umberto Eco, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber