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Lebenserinnerungen der Jule Andersen

Vorgestellt von Katja Lückert

Theodor Buhl - Winterkorn (Cover) © Kindler Verlag Detailansicht des Bildes Aufgezeichnete Erinnerungen eines Dienstmädchens aus Kiel. Vor drei Jahren erschien Theodor Buhls Debütroman "Winnetou August", in dem er die Erinnerungen an die Vertreibung seiner Familie aus Schlesien beschrieb. Der 1936 in Schlesien geborene Autor - im Hauptberuf Lehrer - hatte schon seit Ende der 80er-Jahre gewissermaßen nebenbei daran gearbeitet.

Nun ist ein zweites Buch erschienen: "Winterkorn". Das Material dazu hatte er sogar noch früher zu sammeln begonnen. Seit Mitte der 70er-Jahre besuchte er eine einfache Frau aus Schleswig-Holstein und zeichnete ihre Erinnerungen auf - an Kaiser Wilhelm, die Weltkriege, Willy Brandt und schließlich ihre letzte Lebensphase in einem Pflegeheim.

Entbehrungsreiches Leben

Warum sollte man sich für Jule Andersen interessieren? Eine Fotografie auf dem Buchumschlag zeigt sie mit hochgerafftem, weißem Kleid irgendwo am Strand, vermutlich in Schleswig-Holstein, denn sehr weit rumgekommen ist die Frau nicht in ihrem Leben. Der Strandausflug bildete sicher auch eher eine Ausnahme in dem ziemlich entbehrungsreichen Dasein einer 1891 geborenen ungelernten Bauerntochter aus Kiel. Zu Hause waren sie zu elft, und meist führte der Hunger das Regiment, wie sie sehr anschaulich beschreibt.

Leseprobe:
"Beim Essen standen jedes Mal die Kinder um den runden Tisch herum, Heinrich und Mutter hatten einen Stuhl. "Kannst du nicht gerade stehen?" Heinrich passte auf. Mit dem runden Tisch sind wir immer umgezogen. Am Anfang der Woche gab's Vitello, am Ende nur noch Zucker auf dem Brot. Die einen aßen ihr Ei schon abends auf, die anderen morgens - dann weinten die einen: "Mutter ich hab kein Ei mehr." "Musst nicht aufessen, hast noch eins."

Umfangreiche Vorarbeiten

Man muss Theodor Buhl für die unglaublich umfangreiche archivarische Vorarbeit zu seinem neuen Buch bewundern. Über zehn Jahre lang hat er Jule Andersen immer wieder mit dem Tonbandgerät besucht und ihre Aussagen aufgezeichnet: "Das hat mir eine große Befriedigung gegeben, als ich gesehen habe, dass ich sie ja nicht nur einfach abhöre, um etwas daraus zu machen, sondern dass das tatsächlich für sie ein menschlicher Kontakt ist. Das waren unendlich viele Bänder und die habe ich dann alle getippt. Und nach den zehn Jahren hatte ich dann so 1.800 Seiten Material, 140 Kassetten, jede Seite eine Stunde, das sind 280 Stunden und daraus habe ich einen Text gemacht, der war dann nur noch dreihundert Seiten lang. Und das ist der Text, den ich dann Böll geschickt habe."

Heinrich Böll war beeindruckt

Theodor Buhl meint tatsächlich den Schriftsteller Heinrich Böll, dem er seine erste Fassung des Manuskripts zu lesen gab und der sich, so wirbt der Klappentext, einst auf folgende Weise über den Text geäußert haben soll: "Es ist sehr selten, dass ein sogenannter Normalbürger Zeit und Zeitgeschichte auf diese Weise darstellt, unverstellt und spannend."

Tatsächlich spricht Jule Andersen auf zweihundert Seiten recht ungefiltert und gewissermaßen frei von der Leber weg über ihr Leben, das sie übrigens selbst gar nicht als so armselig empfunden hat, wie es dem Leser vielleicht vorkommen mag.

Sie arbeitete als Zugehfrau, führte zeitweise eine Bäckerei und heiratete einen notorischen Weiberhelden, der gern die spärlichen Familieneinkünfte mit Trinken und Feiern durchbrachte. Bei ihm wollte sie nur so lange bleiben, bis ihre Tochter groß genug wäre, so erklärt sie in einer Mischung aus Hochdeutsch und norddeutschem Platt.

Leseprobe:
"Wenn er mich nicht vertobaken konnte, musste der Tisch herhalten. Ich blieb immer ruhig. Ich denk, wenn du die Deern groß hast, dann wirst du schon wissen, was du machen deist."

Es ist nicht leicht, sich in diesem kunstvollen Sprachenwirrwarr zu Recht zu finden, erst mit fortschreitender Lektüre wird dem Leser die merkwürdige Diktion geläufig. Wenn Jule Andersen dann Hitler über den grünen Klee lobt, weil er den Kommunismus abgeschafft habe und auch sonst durchaus fragwürdige politische Einschätzungen vom Stapel lässt, fragt man sich, ob Buhls Idee tatsächlich aufgeht. Dem dokumentarischen Text fehlt zuweilen die kommentierende Stimme des Autors. Das können auch zweieinhalb Seiten Nachwort nicht aufwiegen.

 

Theodor Buhl - Winterkorn (Cover) © Kindler Verlag

Winterkorn

Theodor Buhl

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3-463-40637-4
  • Verlag: Kindler Verlag
  • Preis: 17,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.01.2013 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/literatur/buchtipps/winterkorn167.html
Plattdeutsch
Aufgeschlagenes Buch © Fotolia.com Fotograf: Antje Lindert-Rottke
 

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