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Zwei Europäer im 19. Jahrhundert

Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Eberhard Straub - Wagner und Verdi (Cover) © Klett-Cotta Detailansicht des Bildes Doppelbiografie zum 200. Geburtstag von Richer Wagner und Giuseppe Verdi Der Historiker, Journalist und Buchautor Eberhard Straub war viele Jahre Feuilletonredakteur bei der FAZ, seit etlichen Jahren lebt er als freier Publizist in Berlin und hat viele Leser mit seiner Geschichte der Familie Furtwängler begeistert.

In seinem neuen Buch beschäftigt er sich in einer Doppelbiographie mit zwei Musikgenies des 19. Jahrhunderts, die sich persönlich nie begegnet sind und sich gegenseitig genau gekannt haben: Richard Wagner und Giuseppe Verdi.

Mit diesem Buch sind wir wohl gerüstet für das Jubiläumsjahr 2013: Wagner und Verdi haben im nächsten Jahr beide ihren 200. Geburtstag. Eberhard Straub hat mit seiner Doppelbiografie den Versuch einer neuen Zuordnung und Gewichtung gewagt, er bietet dichten Lesestoff für profunde Kenner des jeweiligen musikalischen Werkes, aber auch lockende Lektüre für alle, die wenig wissen, aber gern Biographien lesen.

Wagner und Verdi gingen sich aus dem Weg

Richard Wagner: Fotografie von Franz Hanfstaengl © picture-alliance / akg-images Fotograf: Franz Hanfstaengl Detailansicht des Bildes Richard Wagner wurde 1813 in Leipzig geboren und starb 1883 in Venedig. Leseprobe:
"Sie hätten sich zuweilen begegnen können in Paris, London oder Wien, vor allem in Italien, wo Wagner während seiner letzten Lebensjahre häufig weilte. Überkam ihn gute Laune, dann konnte Wagner am Klavier Verdi recht amüsant parodieren. Wahrscheinlich so, wie dessen Melodien auf der Straße aus dem Leierkasten erklangen oder wie sie von Blaskapellen auf Plätzen und von Salonorchestern in Hotelhallen gespielt wurden. Mit solchen musikalischen Scherzen bereitete er seinen Bayreuther Freunden Vergnügen."

Dabei darf man, so der Biograph Eberhard Straub, natürlich nicht vergessen, dass Richard Wagner ebenfalls schon zu Lebzeiten mit Genuss parodiert wurde.

Die einzelnen Kapitel der Doppelbiographie sind aufgeteilt nach den Städten, in denen Wagner und Verdi gelebt und gewirkt haben. Mailand, wo der junge Verdi lebte. Leipzig, wo Wagner geboren ist, dann die Städte der großen Erfolge: Paris, um dessen Gunst beide kämpften, Wien, Bologna, Bayreuth, und schließlich Venedig.

Musiker und Europäer

An der Auflistung der Städte ist schon der Geist dieser Doppelbiografie zu erkennen. Eberhard Straub stellt die beiden Komponisten vor allem als Europäer dar, die erst von anderen mit nationalen Zuordnungen versehen wurden. Beide haben allerdings eifersüchtig verfolgt, was der andere komponierte, welche Erfolge er gerade feiern konnte. Verdi wurde 1867 unterstellt, er habe seine Originalität eingebüßt:

Leseprobe:
"Diese Unterstellung empörte ihn, weil er von Wagner nichts wusste, außer was er in Zeitschriften über ihn gelesen hatte. Es beleidigte ihn, nach so vielen Opern den Vorwurf abwehren zu müssen, Wagner nachzuahmen, um auf der Höhe der Zeit zu bleiben."

Giuseppe Verdi (Foto um 1870) © picture alliance / akg-images Fotograf: akg-images Detailansicht des Bildes Giuseppe Verdi wurde 1813 im Herzogtum Parma geboren und starb 1901 in Mailand. Schließlich beschäftigt Verdi sich doch mit Wagner, studiert die Partitur des Lohengrin und findet die Musik schön, da wo sie verständlich sei und kritisiert den Missbrauch von langen Noten, das sei schwer erträglich: viel Verve, ohne Poesie und Feinheit. An schwierigen Stellen immer schlecht.

Verdi ist - so arbeitet es Straub heraus - eindeutig eifersüchtig auf den Ruhm und den Applaus, den Wagner erntet, dabei mangelt es ihm selbst nicht an Zuspruch. Sonderbar, wir sehr Verdi noch Wagners Nachruhm das Leben verdüstert haben muss.

Viele Gemeinsamkeiten

Die beiden hätten, so drängt es sich passagenweise auf, wenn man ihre Lebensläufe parallel betrachtet, eine höchst fruchtbare Freundschaft entwickeln können. Es gab mehr Gemeinsamkeiten, als sie selbst geahnt haben dürften:

Leseprobe:
"Die große Kunst Wagners bestand darin, erschöpfte, ausgeschöpfte, ja ausgepresste Themen, denen in Italien keiner mehr traute, in überraschender Umgebung und neuem Kostüm anziehend und aufregend zu machen. Wagner ist viel italienischer, als die germanische oder altdeutsche Maskerade vermuten lässt, und Verdi viel deutscher, als ihm zuweilen lieb sein konnte."

So regt Eberhard Straubs Doppelbiografie an, über zwei Lebensläufe und die Werke von zwei großen Komponisten noch einmal neu und gleichsam europäischer nachzudenken. Der Text ist anspruchsvoll geschrieben, sehr kenntnisreich und fordert durchaus aufmerksame Leser.

Eberhard Straub - Wagner und Verdi (Cover) © Klett-Cotta

Wagner und Verdi

Eberhard Straub

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3-608-94612-3
  • Verlag: Klett/Cotta
  • Preis: 24,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 04.12.2012 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/literatur/buchtipps/wagnerverdi105.html
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