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Die Vernetzung der Welt

Ein Blick in unsere Zukunft
Vorgestellt von Jan Ehlert

Cover Die Vernetzung der Welt © Rowohlt Verlag Detailansicht des Bildes Wer die Welt der Zukunft verstehen will, der sollte dieses Buch daher lesen. Es ist wohl der größte Abhörskandal seit Watergate: Ein US-amerikanischer Computer-Experte enthüllte, dass die Regierung in Washington im Internet systematisch Daten sammelt und speichert. Unter anderem auch über Google. An solchen Beispielen zeigt sich, wie groß das Ausmaß inzwischen ist, das die zunehmende Digitalisierung auf unser Leben hat. Doch das ist nur die Spitze des Eisberges, sagt Google Chef Eric Schmidt.

Schon in einem Jahrzehnt wird es soweit sein, dann ist ihre Wohnung ein elektronisches Orchester, und Sie sind der Dirigent, meint der Google Chef. Mit Konjunktiven halten Schmidt und der Gründer der Abteilung mit dem schönen Namen "Google Ideen", Jared Cohen, sich in diesem Buch nicht auf. Jede These ist als Gewissheit formuliert: Die schöne neue digitale Welt wird sicherer, komfortabler und gerechter.

Privatsphäre adé

Leseprobe: "Da immer mehr Tätigkeiten keine physische Anwesenheit erfordern, stehen talentierten Menschen immer mehr Betätigungsfelder offen. Beispielsweise können sich hochqualifizierte Uruguayer neben Konkurrenten aus Kalifornien um dieselbe Stelle bewerben. Vielleicht kommen die besten Designer der Welt aus Botswana und es hat nur noch niemand gemerkt."

Kabelverbindungen © Fotolia.com Fotograf: Rocky Granada Detailansicht des Bildes Die Zukunft: alles wird vernetzt sein. So weit, so faszinierend. Wie viele Menschen tatsächlich von den neuen Möglichkeiten profitieren werden, das bleibt jedoch fraglich. Und beängstigend wird es dann, wenn Schmidt und Cohen ausführen, was der technische Fortschritt für die Privatsphäre bedeutet – für etwas also, das schon bald der Vergangenheit angehören wird.

Leseprobe: "Da Informationen dazu tendieren, ans Licht zu kommen, sollten Sie also nichts abspeichern, das Sie nicht irgendwann in einer Anklageschrift oder auf der Titelseite einer Zeitung lesen wollen, wie es so schön heißt. In Zukunft wird dies nicht nur auf jedes geschriebene und gesprochene Wort zutreffen, sondern auf jede Internetseite, die Sie besuchen, auf jeden "Freund" in ihrem Netzwerk, auf jedes "Like", und auf alles, was Ihre Freunde tun, sagen und veröffentlichen."

Hauptsächlich Diktatoren missbrauchen die digitale Technik

Julian Assange © dpa Fotograf: Facundo Arrizabalaga Detailansicht des Bildes Julian Paul Assange, australischer politischer Aktivist, Computer-Hacker, Programmierer und Sprecher der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Der Überwachungsstaat eines George Orwell wirkt dagegen plötzlich wie ein lebenswertes Idyll. Allerdings: Der Zugriff auf diese Informationen muss begrenzt bleiben, fordern Schmidt und Cohen. Der Staat müsse hier regulieren. Ausdrücklich distanzieren sie sich damit, trotz erkennbarer Faszination, von den Enthüllungen der Plattform WikiLeaks. "Wir halten dies für ein gefährliches Modell, denn es wird immer Menschen geben, die mangels Urteilsvermögens Informationen veröffentlichen und auf diese Weise Menschenleben in Gefahr bringen. Aus diesem Grund haben Staaten Regeln und Systeme entwickelt, um die Geheimhaltung bestimmter Informationen einzustufen. So unvollkommen diese auch sein mögen, sollten sie unserer Ansicht auch weiterhin gelten."

Dass auch Staaten diese Daten missbrauchen könnten, räumen Schmidt und Cohen ein. Allerdings würden hauptsächlich Diktatoren die digitale Technik für ihre Zwecke missbrauchen, beschwichtigen sie. Blickt man aber in die USA, wo gerade bekannt wurde, dass die Regierung weltweit heimlich E-Mail- und Telefondaten speicherte, dann scheint die Perspektive einer digitalen Diktatur auch in demokratischen Staaten nicht so weit hergeholt. Der Appell von Schmidt und Cohen klingt da fast schon prophetisch: "Wenn wir uns nicht für unsere Privatsphäre einsetzen, werden wir sie verlieren, vor allem in Zeiten einer nationalen Krise, wenn die Falken behaupten, der Staat habe ein Recht auf den Zugang zu privaten Informationen. Regierungen müssen entscheiden, wo die Privatsphäre beginnt und wo sie endet, und sie müssen sich daran halten."

Mehr als nur Science Fiction

Mann geht an einem Google Logo vorbei © dpa - Bildfunk Fotograf: Boris Roessler Detailansicht des Bildes Auch Google steht nach den "Prism" Veröffentlichungen in der Kritik. Ganz so optimistisch scheinen also auch Schmidt und Cohen nicht zu sein. Das zeigt sich auch in der Struktur des Buches. In sieben thematisch unterschiedlichen Kapiteln erklären sie, wie die digitale Welt unsere Zukunft beeinflussen wird. Gleich drei davon widmen sich gewaltsamen Themen: Der Zukunft der Revolution, des Terrorismus und der Konflikte und Kriege. Cyberwars und Hackerangriffe werden Schäden ungeahnten Ausmaßes anrichten können, schreiben sie. Aber: Auch das wird die Menschheit weiterbringen: "Genau darin besteht die Macht der neuen Informationsrevolution: Auf jede negative Entwicklung wird es eine Antwort geben, die das Potenzial zu qualitativen Verbesserungen birgt.“

Das bleibt zu hoffen. Wie diese aussehen könnten, auch das skizzieren Schmidt und Cohen in diesem Buch. Ausführlich setzen sie sich mit den Gefahren und Chancen des digitalen Zeitalters auseinander. Dieses Buch ist daher deutlich mehr als nur Science Fiction. Es diskutiert hellsichtig und offen die entscheidenden Fragen, denen wir uns schon jetzt stellen müssen. Wer die Welt der Zukunft verstehen will, der sollte dieses Buch daher unbedingt lesen.

Cover Die Vernetzung der Welt © Rowohlt Verlag

Die Vernetzung der Welt. Ein Blick in unsere Zukunft

Eric Schmidt, Jared Cohen

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3498064228
  • Verlag: Rowohlt Verlag
  • Preis: 24,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.06.2013 | 16:20 Uhr

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