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Politisches Buch: "Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft"

Mit dem Buchtitel "Identität" hat es der flämische Psychoanalytiker Paul Verhaeghe in den Niederlanden und Belgien ganz vorne auf die Bestsellerlisten geschafft. In dem Buch beklagt der Autor, dass die Zahl der psychischen Krankheiten enorm zugenommen hat. Verantwortlich dafür sei unser Wirtschaftssystem. Jetzt ist das Werk unter dem Titel "Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft" auf Deutsch erschienen.

Von Verena Gonsch, NDR Info

Cover des Buches "Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft" von Paul Verhaeghe (Kunstmann Verlag) © Kunbstmann Verlag Detailansicht des Bildes Das Buch "Und ich?" ist im Kunstmann Verlag erschienen. Burn-out , ADHS, Depression - noch nie sind in Westeuropa so viele psychische Störungen diagnostiziert worden. Betroffen sind nicht nur Erwachsene; immer mehr Kinder schlucken Medikamente wie Ritalin, weil sie zu zappelig und unaufmerksam in der Schule sind. Für den Genter Psychologie-Professor Paul Verhaeghe ist das ein erstaunliches Phänomen der Moderne: "Das ist ein Paradox. Materiell ging es uns nie so gut. Und trotzdem gab es in Westeuropa noch nie eine so große soziale Angst."

Konsum als entscheidende Triebkraft des Lebens

Einen entscheidenden  Einfluss schreibt der Flame dabei unserem Wirtschaftssystem zu.  Wer nicht erfolgreich im Beruf und Privatleben ist, wird von der Gesellschaft schnell als Verlierer abgestraft. Der Konsum ist nach Ansicht Verhaeghes zur entscheidenden Triebkraft des Lebens geworden.

Dieses Grundgefühl bestimme mehr und mehr die Identität unserer Gesellschaft, die immer eine Mischung von gesellschaftlichen Einflüssen und dem eigenen Ich sei. Mehr noch: Der Psychoanalytiker stellt die These auf, dass das neoliberale Wirtschaftssystem die Normen und Werte in unseren Gesellschaften nachhaltig verändert hat: "Es ist ein aggressiver Individualismus entstanden mit einem ausgeprägten Materialismus. Und das geschieht durch Wahlentscheidungen, die von Menschen getroffen werden. Die Wirtschaft fördert mit Absicht eine Art Sozialdarwinismus."

Immer mehr Menschen halten sich für gescheitert

Beispiele nennt Verhaeghe aus der Arbeitswelt. Viele Menschen hätten mehr und mehr Autonomie in ihrem Job verloren. Abläufe seien rationalisiert und vereinfacht worden. Arbeitnehmer beklagten zu wenig Flexibilität und Verantwortung. Beschäftigte, die den Ansprüchen nicht gewachsen seien, würden aussortiert. Immer mehr Menschen halten sich für gescheitert. Im Gesundheitssystem sieht der Autor ähnliche Entwicklungen: statt zu heilen werde klassifiziert und normiert. Immer mehr neue psychische Krankheiten würden erfunden, ohne die Wurzel des Übels zu bekämpfen. Im Buch heißt es:

"Die Hauptursache für das Verschwinden des Gemeinschaftsgefühls und das Aufkommen eines extremen Individualismus ist das heutige Wirtschaftsmodell, das Menschen systematisch gegeneinander ausspielt und immer größere Ungleichheit erzeugt. Wenn wir die Balance von Gleichheit und Verschiedenheit, Gemeinschaftssinn und Autonomie wiederherstellen wollen, dann müssen wir die heutige  Arbeitsorganisation tatsächlich ändern und Wirtschaft anders denken."

Argumentation an einigen Stellen zu kurz gedacht

Paul Verhaeghe hat im letzten Jahr in Belgien für Aufsehen gesorgt, als er das neoliberale Wirtschaftssystem verantwortlich machte für die europäische Finanzkrise. Leider ist seine Argumentation tatsächlich an einigen Stellen zu kurz gedacht. So geht er nirgendwo auf den Einfluss des Internets auf die Gesellschaft ein, die gerade ja auch Protestbewegungen wie Occupy hervorgebracht hat. Erwähnt werden auch nicht die Veränderungen durch die sogenannte Generation Y, also der jungen Menschen, die jetzt ins Arbeitsleben strömen und die sich explizit gegen den Erfolgsdruck wehren.

Erfolgsdruck verändert unsere Gesellschaft

Interessant sind aber die Passagen des Buches, in denen er berichtet, wie stark der Erfolgsdruck unsere Gesellschaft verändert hat und wie sich das auf Kinder und Jugendliche auswirkt.

"ADHS ist meines Wissens die einzige angeblich neurobiologische Erkrankung, die derart offensichtlich saisonabhängig ist. Zu Beginn der Schulferien beginnt sie beinahe völlig um bei Schuljahresbeginn urplötzlich wieder aufzuflackern." (Buch-Zitat)

Auch andere derzeit sehr häufig auftretende Krankheiten wie Burn Out erscheinen nach der Lektüre von Verhaeghes Buch in einem anderen Licht.

Cover des Buches "Und ich? Identität in einer durchökonomisierten Gesellschaft" von Paul Verhaeghe (Kunstmann Verlag) © Kunbstmann Verlag

Und ich? Identität in einer durchökononomisierten Gesellschaft

Paul Verhaeghe

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3-88897-869-2
  • Verlag: Kunstmann Verlag
  • Preis: 19,95 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Info | Buchtipp | 09.09.2013 | 10:56 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: http://www.ndr.de/kultur/literatur/buchtipps/undich101.html
Autorin
Verena Gonsch © NDR Fotograf: Christian Spielmann
 

Verena Gonsch

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