Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenAus dem Englischen von Thomas Bodmer und Gertraude Krueger
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
Erzählungen zum Thema Beziehungen und ihren Problemen
Im letzten Jahr spottete die Times, wenn Julian Barnes jetzt wieder nicht den Booker Prize - diesen renommiertesten aller britischen Literaturpreise - bekäme, wäre es langsam albern - und ob sein Buch "Vom Ende einer Geschichte" schon wieder zu gut dafür sei? Die Jury-Mitglieder haben dann wohl ein Einsehen gehabt und den Roman gekürt. Julian Barnes ist einer der klarsten und elegantesten Schriftsteller Großbritanniens, ein Meister der Ironie. Alle seine Bücher werden mit Ungeduld erwartet. Jetzt erscheinen neue Erzählungen mit dem Titel: "Unbefugtes Betreten".
Unübertrefflich lakonisch: Julian Barnes' Blick auf mittelalte, mittelständische Paare.
Leseprobe:
"Im achten Jahr ihrer Beziehung hatten sie den Punkt erreicht, wo sie einander nützliche Geschenke machten, Geschenke, die ihr gemeinsames Lebensprojekt untermauern sollten, statt ihre Gefühle auszudrücken. Beim Auspacken von Kleiderbügeln, Vorratsdosen, einem Oliven-Entsteiner oder einem elektrischen Bleistiftanspitzer sagten sie gern: "Genau das, was ich gebraucht habe", und das war ehrlich gemeint. Selbst Unterwäsche schien nun eher ein praktisches als ein erotisches Geschenk zu sein."
Vierzehn Geschichten sind in diesem neuen Buch von Julian Barnes versammelt, vier davon erzählen von abendlichen Treffen bei „Phil und Joanna“. Man redet, was die sanftmütige europäische Mittelschicht dann so redet, über das Wetter, das einen bisweilen dazu bringt, auswandern zu wollen, über Arbeitslosigkeit, Obama, die Boni der Banker, Schweinegrippe, Vogelgrippe, was gerade dran ist. Dazu wird kräftig Wein getrunken. Die Tafel ächzt von der Fülle der Speisen und zwischen den Gästen geht es nach dem Motto zu: Rasch her mit ein paar Klischees.
Raffinierte Erzählweise
Zwischen den Zeilen zeigt sich die besondere Kunst, das erzählerische Raffinement von Julian Barnes. Keiner hört richtig zu, das Gespräch schlängelt oder hüpft von einem Sujet zum anderen. Doch der Text verdichtet sich zügig, hält sich nicht auf in Allgemeinplätzen, sondern steuert auf das zu, was man in Ermangelung eines besseren Begriffs vielleicht Wahrheitssuche nennen kann. Unerbittlich, ohne Umschweife wird sie uns hier zugemutet. Das ist etwas für die, die bei Verkehrsunfällen hingucken oder im günstigeren Fall helfen wollen, aber eben nicht weg gucken. Wie geht es zu in unserem Land, was passiert und was tun wir uns ohne Not gegenseitig an?
Leseprobe:
"Ich weiß nicht, ob wir je genau sagen können, wann unsere Ehe am Ende ist. Wir erinnern uns an bestimmte Phasen, Übergänge, Streitereien; Unvereinbarkeiten, die wachsen, bis man sie nicht mehr auflösen und damit leben kann."
Die Episoden beginnen ganz harmlos, fast unscheinbar, man kennt die Szenerie, alle sind vergnügt und aufgeräumt, und plötzlich stellen sich die Freunde, die um den Tisch versammelt sind, unangenehm übergriffige Fragen. Nachdem die Politik und der Terrorismus abgehandelt sind, geht es um die Liebe. Welches Paar am Tisch wird nach dem Abend noch wie früher miteinander sein? Was macht das Leben, die Müdigkeit, die allgemeine Überforderung aus uns? Lässt es böse werden?
Julian Barnes versteht es, seine Figuren mit unglaublicher Eleganz und Leichtigkeit zu beschreiben, ein paar Striche genügen, und schon sieht man sie vor sich. Das hat die britische Literatur der deutschen Literatur noch immer voraus: Diese Geschichten haben keine Schwere oder deutsche Düsternis. Melancholie vielleicht, als Heiterkeit maskiert. Und so geschieht das Wunder, dass man sich bei diesen Texten nie fragt: Muss ich das nun lesen und mir antun? Man möchte von allein immer mehr und weiter in den Geschichten.
Hervorragende Übersetzungen
Der Übersetzer Thomas Bodmer hat gekonnt die flirrende Ironie der Dialoge eingefangen. Wörtliche Rede ist immer diffizil zu übertragen, das muss auch in der anderen Sprache erst einmal richtig klingen. Häufig wird es dann zu steif oder zu flapsig, oder es erliegt der Gefahr falscher Töne. Hier ist das ganz wunderbar gearbeitet. Weitere Geschichten wurden - ebenfalls vorzüglich - von Gertraude Krüger übersetzt.
Ein Mann schnüffelt im Privatleben seiner Freundin, unterschiedliche Vorstellungen über einen Garten drohen eine Ehe zerbrechen zu lassen. Oder: Eine Geschichte, die sicherlich autobiografisch ist, erzählt von einem Mann, der Witwer geworden ist und auf jene Insel fährt, auf der er immer mit seiner Frau war. Keine so gute Idee. Es ist eine zarte, traurige, vollkommen unsentimentale Geschichte ohne jedes Selbstmitleid, was ihr eine umso intensivere Wirkung verleiht. Erinnerungen sind kein Paradies.

Julian Barnes, aus dem Englischen von Thomas Bodmer und Gertraude Krueger