Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenVorgestellt von Margarete von Schwarzkopf
Wer hätte gedacht, als vor genau 20 Jahren der Roman "Venezianisches Finale" erschien, dass sich Commissario Guido Brunetti so lange an der Spitze der beliebtesten Polizisten deutscher Leser halten würde? Aber seit jenem Juni 1993 erscheint in jedem Jahr ein neues Abenteuer des unermüdlichen Streiters für Recht und Gerechtigkeit, an dem die Jahre spurlos vorüber gegangen sind. Und nicht nur an ihm. Auch seine beiden Kinder und seine Frau Paolo, Dozentin für englischsprachige Literatur, altern nicht. Dafür aber findet die Erfinderin des liebenswerten Venezianers Brunetti, Donna Leon, immer neue Fälle für ihren Brunetti, die ein Spiegelbild nicht nur italienischer Missstände sind. Da geht in der Tat der Stoff nie aus.
Im jüngsten Roman, "Tierische Profite", treibt zu Beginn eine Wasserleiche in einem der Kanäle, ein Mann, dessen Identität sich nicht fest stellen lässt. Dieser Unbekannte kommt Brunetti auch aufgrund einer körperlichen Anomalität, einem gewaltigen Stiernacken, bekannt vor - er war Zuschauer bei Bauernprotesten, die Brunetti mit erlebt hat. Brunetti geht der einzigen Spur nach, die der Tote im Kanal ihm gibt: Er trägt einen teuren Schuh, und dieser Schuh führt Brunetti nach Mestre, eigentlich ein Teil von Venedig, aber mit 200.000 Einwohnern mehr als doppelt so stark bevölkert wie die Lagunenstadt selbst. Mestre ist Venedigs Industriegebiet mit den rauchenden Schloten von Marghera als hässliche Kulisse. Hier, in einem Schuhgeschäft, entdeckt Brunetti weitere Indizien über die Identität des Toten und kommt der Lösung des Falles langsam näher. Der Unbekannte mit dem entstellenden Stiernacken entpuppt sich als ein gutherziger Mensch, der sich gegen Tierquälerei und unlautere Machenschaften in der Fleischproduktion wandte und deswegen offenbar jemandem unbequem wurde. Es geht hier nicht nur um Mord aus Geldgier und Korruption, sondern auch um die Frage, die hinter jedem Fleischskandal steht: Woher kommt das Fleisch, das wir konsumieren, was geschah mit den Tieren, ehe sie geschlachtet wurden, und welche Auswirkungen hat das auf das Fleisch, das wir dann kaufen. Diese Fragen verstören auch Brunettis wohl sortierten Haushalt, da dort Fleischgerichte durchaus zur Tagesordnung gehören.
"Tierische Profite" ist Unterhaltung auf hohem Niveau und ein glühendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit gegenüber den Tieren, die Teil unserer Nahrungskette sind. Brunetti ist wie immer wunderbar - das hat sich in den 20 Jahren nicht geändert.

Donna Leon