Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenAus dem Französischen von Nathalie Lemmens
Vorgestellt von Christiane Irrgang
Charmanter Roman über Familie und Verantwortung
"Bei Kälte ändern die Fische ihre Bahnen" - mit diesem Buch machte Pierre Szalowski im Herbst vor zwei Jahren von sich reden. Hinter dem rätselhaften Titel verbirgt sich nicht etwa eine zoologische Studie, sondern ein modernes Weihnachtsmärchen.
Wenn das Rezept so erfolgreich ist, hat sich der kanadische Schriftsteller wohl gedacht, dann lege ich doch gleich mal den nächsten Gang nach: noch mehr Kanada, noch mehr Schnee und Eis, noch mehr strahlende Kinderaugen. Und das geht erstaunlicherweise gut, obwohl der Titel des neuen Buches Böses - oder zumindest arg Kitschiges - ahnen lässt: "Irgendwo ist immer jemand, der dich liebt"
Dies ist - man glaubt es kaum - auch eine Weihnachtsgeschichte für Männer! Was denn, wenn es um Liebe geht?! Ja, tatsächlich, denn die Protagonisten sind nicht nur Männer, sondern auch noch echte Männer: Sportler. Eishockeyspieler - härter geht's kaum noch!
Aber in jedem noch so harten Kerl steckt ein weicher Kern. Auch in Martin Ladouceur, genannt Ladouce, einst gefeierter Stürmer, jede Menge Frauen und Alkohol, irgendwann mal zu viel gefeiert und rausgeschmissen. Am Weihnachtsabend kehrt er nach Montreal zurück, um wieder mit seiner alten Mannschaft zu spielen.
Da hockt er dann ganz allein in seiner luxuriösen Hotelsuite, als Ansprechpartner nur ein Taxichauffeur, ein schüchterner Page und ein schlecht gelaunter Portier, der alle Wünsche des anspruchsvollen Gastes erfüllt, damit der bloß nicht wieder randaliert. Wenn der Herr mitten in der Nacht ein hochprozentiges Mitbringsel für einen spontanen Besuch benötigt - bitte sehr!
Leseprobe:
"Was für ein fürchterlicher Irrtum, Monsieur Ladouceur! Jetzt, wo ich darüber nachdenke, fällt mir ein, die Maison des Vins hat bis 22 Uhr geöffnet. Wie dumm von mir! Ich hole Ihnen unverzüglich die Hotellimousine. Da der Fahrer heute Abend frei hat, werde ich Sie persönlich fahren. Wir wollen Ihren Freund doch auf keinen Fall warten lassen."
Leider ist der Kumpel aus alten Tagen inzwischen ein braver Familienvater, also wird nichts aus der geplanten Sause, und selbst seine eigene Mutter lässt Ladouce abblitzen. Aber ehe der frustrierte Ex-Held sich allein zudröhnen kann, erlebt er sein persönliches kleines Weihnachtswunder.
Leseprobe:
"Der Stoff der Hockeytasche wellte sich einige Mal, ehe er sich langsam um ein paar Zentimeter hob. Zwei kleine, weit aufgerissene Augen wurden im Reißverschlussspalt sichtbar. Dann, wie eine Eierschale, die von innen aufgepickt wurde, gab die Tasche einen Kopf mit verwuscheltem blonden Haar frei."
Das Wunder ist ungefähr sieben Jahre alt und der Sohn eines Zimmermädchens, das in der Heiligen Nacht arbeiten muss. Ladouce erklärt sich bereit, den Knirps so lange zu hüten.
"Diese Begegnung führt dazu, dass er sein Leben überdenkt, dass er sich einzelne Momente und Schicksalsbegegnungen vergegenwärtigt, einige sehr lustige und einige sehr berührende Szenen. Bis er sich schließlich fragt, ob er nicht vielleicht der Vater dieses Kindes ist. Und im Laufe der Geschichte wird er seinen Vaterinstinkt entdecken", sagt Pierre Szalowski über seine 'Vom-Saulus-zum-Paulus-Geschichte'. Und was schenkt ein Eishockeyspieler seinem wiederentdeckten Sohn zu Weihnachten? Natürlich eine private nächtliche Trainingsstunde im festlich illuminierten Stadion.
Leseprobe:
"Mit einem perfekten Timing senkte er den Schläger, und dank der Drehung sauste der Puck durch die Luft. Der Schuss war hart, schnell und vor allem präzise gewesen. Der Puck hob sich in die Luft und knallte mit einer solchen Wucht gegen die roten Pfosten, dass das Peng! in dem leeren Stadion widerhallte."
Und dieser Schuss stammt nicht etwa vom Profi, sondern von dem kleinen Martin. Ladouce ist überzeugt: Dieses Talent verdankt der Junge den väterlichen Genen - seinen Genen. Jetzt muss er nur noch die Mutter von ihrem gemeinsamen Glück überzeugen.
"Dieses Buch hat viel von mir", bekennt Szalowski. "Ich bin jemand, der das Leben liebt, ich nehme es eher von der guten Seite. Und auch wenn das Buch ein paar traurige Szenen enthält: Es wird Sie glücklich machen. Denn ich glaube, genau so muss man das Leben leben, und das will ich Ihnen auf diesen Seiten anbieten."
Ein Angebot - keine aufdringliche Message wie in manchen Hollywood-Filmen. Pierre Szalowski beherrscht die sehr französische Kunst der Leichtigkeit, und seine Deutung des Weihnachtsgeheimnisses liest man mit Vergnügen.

Pierre Szalowski, aus dem Französischen von Nathalie Lemmens