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Buch der Woche: "Für den Rest des Lebens"

Vorgestellt von Sybille Hasenclever

Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens (Buchcover) © Bloomsbury Verlag Detailansicht des Bildes Zeruya Shalev verarbeitet in ihrem neuen Roman auch die eigene Geschichte. Reste räumt man zusammen, Reste wärmt man auf oder schmeißt sie weg. Und was ist mit dem Rest des Lebens? Wie geht man damit um, und wann fängt er eigentlich an? Zeruya Shalev, der die eigene Vergänglichkeit durch einen Terroranschlag vor sieben Jahren so brutal verdeutlicht wurde, rüttelt mit diesen Fragen das Leben ihrer Romanfamilie durcheinander. Im Mittelpunkt steht die alte, einsame Mutter Chemda, die auf dem Krankenbett über den kurzen Rest ihres Lebens nachdenkt:

"Es stimmt, dass jeder Hauch den letzten Faden zerreißen kann, der sie mit dem Leben verbindet, aber wer soll es sein, der atmet, wer sollte es sein, der sich überhaupt die Mühe macht, in ihre Richtung zu pusten." (Buch-Zitat)

Fremde Probleme sind einfacher als die eigenen

Sicher, Tochter Dina und Sohn Avner kommen regelmäßig vorbei, aber Dina ist in Gedanken woanders. Die Mittvierzigerin spürt auf ihre Art den Rest des Lebens anbrechen. Sie wird nicht mehr schwanger und will ein Kind adoptieren, um den kommenden Jahren einen Sinn zu geben:

"Sie braucht einen kleinen Jungen, auch wenn es (...) schwer ist (...), sie wird sich nicht fürchten, ihr ist es lieber sich den Problemen eines Kindes zu stellen, als den eigenen, auf diese Weise wird sie wenigstens ihn, das Kind, trösten, denn für sich selbst hat sie keinen Trost." (Buch-Zitat)

Hier gibt es starke Parallelen zu Zeruya Shalev selbst. Sie hat einen kleinen Jungen adoptiert - drei Jahre nach dem Anschlag, der ihr Leben beinahe beendet hätte. Vor dem Hintergrund dessen, was Shalev widerfahren ist, wundert es nicht, dass in diesem Buch die Lage in Israel eine größere Rolle einnimmt. Es ist vor allem das Thema von Dinas Bruder Avner, der sich als Anwalt für Menschenrechte über Jahre aufgerieben hat.

Die Lage des Landes

"Er geht in seinem leeren Büro hin und her, betrachtet den hässlichen Baum, der so nackt ist, wie ein Gerippe, wie schwer muss es sein, jedes Jahr alles zu verlieren, aber er bekommt im Jahr darauf neues Laub, während wir immer nur verlieren.“ (Buch-Zitat)

Als Verlierer fühlt Avner sich auch in seiner erkalteten Ehe. Als er zufällig ein liebendes Paar beobachtet und sieht, wie es sein könnte, öffnet ihm das ruckartig die Augen für die verrinnende Lebenszeit. Er verlässt seine Familie, sucht wahre Gefühle und entdeckt darüber auch den Sinn seiner Arbeit wieder - dem Kampf für die Rechte der Palästinenser.

Vergänglichkeit macht kostbar

Es sind diese kleinen Siege, die dem Roman seine schönen Momente bescheren. Der Rest des Lebens muss nicht kläglich sondern kostbar sein, dann - so sagt es Shalev zwischen den Zeilen - haben wir das Wissen um unsere Vergänglichkeit genutzt. Und wie Dina am Sterbebett ihrer Mutter bemerkt: Man muss nicht alles verstehen.

"Wie weiß man, was falsch ist? Schließlich zeigt sich erst im Lauf der Jahre das ganze Bild (...), obwohl ihre Mutter schweigt, kommt es ihr vor, als wisse sie die Antwort, wisse sie, dass es keine Antwort gibt, vermutlich sind die meisten Dinge weder ganz richtig, noch ganz falsch, die Frage ist, was wir mit ihnen tun.“ (Buch-Zitat)

Mit Schachtelsätzen wie diesem verleiht Zeruya Shalev ihren Figuren eine Atemlosigkeit, die sich beim Lesen überträgt. Dass sich dieser 500-Seiten-Roman nur schwer zur Seite legen lässt, liegt auch daran, dass Shalev wirklich etwas zu sagen hat über die Liebe, das Leben und dessen Vergänglichkeit. Kitschig ist dabei allein der Titel und passt damit gar nicht zum ernsthaften und vielschichtigen Inhalt des Buches.

Am Ende die Hoffnung

Am Ende steht über allem die Familie, so unperfekt sie auch sein mag. Und - Stichwort Adoption - Shalev setzt auch als Autorin ihre Hoffnung auf die nachkommende Generation, auf Kinder, die aus dem Rest des Lebens wieder ein Leben machen können. Es drängt sich der Eindruck auf, dass sie dabei nicht nur an die Kernfamilie sondern an ihr ganzes Land gedacht hat.

Zeruya Shalev: Für den Rest des Lebens (Buchcover) © Bloomsbury Verlag

Für den Rest des Lebens

Zeruya Shalev

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-3827009890
  • Verlag: Berlin Verlag
  • Preis: 22,90 €
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