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Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenAus dem Spanischen von Ralph Amman
Vorgestellt von Claudio Campagna
Satire über das Leben und Studieren in ferner Zukunft
Der spanische Autor Pablo Tusset macht gerne ein Geheimnis aus seiner Person. Als Maurergeselle, Möbelpacker, Straßenverkäufer, Nachtwächter, Graphiker, Tankwart, Blumenverkäufer und Programmierer soll er schon gearbeitet haben.
Mit dem humorigen Krimi "Das Beste, was einem Croissant passieren kann" wurde er als Schriftsteller bekannt. Dann tauchte er plötzlich ab. Sein Verlag streut Gerüchte, dass er in Barcelona Fettgebäck vertreibe (Churros) oder in einer Bar beschäftigt sei. Man weiß es nicht. Auf jeden Fall schreibt Pablo Tusset weiter Bücher. Sein neuester Roman "Oxford 7" ist jetzt in Deutschland erschienen.
Wir befinden uns in den 80er Jahren des 21. Jahrhunderts. Die Menschen tragen iWatches und Fotobrillen. Oxford 7 ist eine Weltraum-Universität. Sie macht Profit, indem sie sich die Lehre von Sponsoren bezahlen lässt und den Studenten allerlei Gebühren aufdrückt. Pablo Tusset hat für seine Zukunftsvision gegenwärtige Tendenzen weitergedacht und gar nicht so sehr übertrieben. Die Uni-Raumstation ist eine Gesundheitsdiktatur und ein Überwachungsstaat. Polizeikontrollen sind nur die plumpste Form, Studenten zu disziplinieren:
Leseprobe:
"An welchem Institut seid ihr? Der Polizist fragt mit südamerikanischem Akzent. Er weiß genau, an welchen Instituten sie eingeschrieben sind: Fornax und Hounting Dogs. Das steht auf dem Bildschirm seines Geräts, mit dem er die unter ihre Haut gepflanzten Chips scannen kann. Da steht auch, dass sie vor einer halben Stunde die Kontrollen vor dem Institut der Emotionsdiplomwissenschaften passierten, dass sie in einer Wohngemeinschaft in diesem Teil der Stadt leben, dass sie beide Studenten aus dem dritten Studienjahr sind und beide ein Stipendium erhalten."
Doch gegen die erstickende Bevormundung regt sich Widerstand. Die Studenten rebellieren. Aufgestachelt hat sie der Professor für präcomputerisierte Kinematographie Sirhan Palaiopoulos. Seine Gegenspielerin ist die Uni-Direktorin Emily Deckart, eine Karrierefrau auf spitzen Absätzen. Im schicken Wohnzimmer ihres Nobel-Apartments versucht Palaiopoulos, ihr seine humanistische Gesinnung näherzubringen:
Leseprobe:
"Möglicherweise verstehen Sie mich besser, wenn Sie an die Worte denken, die wir nicht mehr verwenden. Das Wort 'Kunst' etwa."
"Ah, die Kunst ... Sie war zu Ihrer Zeit sicher eine gute Form der Therapie. Wer aber sollte sich der Kunst verschreiben, seit unsere Psychologen wirksamere pharmazeutische Präparate anbieten?"
"Und was sagen Sie zu dem Wort 'Liebe'?"
"Vor einiger Zeit hörte dieses Wort auf, uns im Leben weiterzuhelfen. ... Unser wirtschaftliches Wachstum ist beachtlich, die Erschließung des Universums eine epochale Errungenschaft, die alle so in Atem hält, dass wir uns nicht mehr in so zarte und extravagante Gefühle wie die Liebe verstricken."
Philosophisch nicht übermäßig anspruchsvoll, eher skurril überzeichnet, karikiert Tusset das moderne Wirtschaftlichkeits- und Effizienzdenken. Der Plot ist schlicht, aber solide konstruiert und spannend erzählt.
Während sich in der Weltraum-Uni die Gelehrten streiten, flüchten die Studenten Mam’zelle, BB und Marcuse auf die Erde, um dort einen gefürchteten Dissidenten aufzuwiegeln. Sie ahnen nicht, wie gefährlich der Mann tatsächlich ist.
"Oxford 7" vermischt verschiedene Genre-Klassiker aus Literatur und Kino wie "Matrix", "Startreck", "1984" oder "Schöne neue Welt" zu einer Kreuzung aus Science-Fiction-, Campus- und Abenteuer-Roman.
Das steigert sich sogar zum Horror, als die Studenten durch die heruntergekommenen Jugendstilviertel Barcelonas ziehen, wo eine Rotte aus Brutalos in Mönchskutten ihr Unwesen treibt. Insgesamt ein spannender Roman mit Gänsehaut- und Schmunzel-Elementen.

Pablo Tusset, aus dem Spanischen von Ralph Amman