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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Englischen von Melanie Walz
Vorgestellt von Jan Ehlert
Exakte Recherche und detaillierte Beschreibungen lassen längst vergessene Genüsse wieder lebendig werden.
Beinahe wäre die Schriftstellerkarriere des Briten Lawrence Norfolk an seiner Vergesslichkeit gescheitert. Denn auf dem Manuskript, das der damals 27-Jährige einem Literaturagenten zusteckte, stand weder sein Name, noch eine Telefonnummer. Der begeisterte Agent machte ihn trotzdem ausfindig - und Norfolks erster Roman "Lemprière's Wörterbuch" wurde ein Welterfolg. Nun ist sein neuer Roman erschienen: "Das Festmahl des John Saturnall".
Ein Gürtel aus Zuckerwerk für ein geliebtes Weib; gebratene Eva-Äpfel mit süßer Crème; eine Fleischspeise mit Namen Wildschwein à la Troyenne: Schon die Übersicht über das Buch lässt dem Leser das Wasser im Munde zusammenlaufen. Jedes Kapitel verspricht ein Festmahl - und zwar aus den erlesensten Zutaten.
Leseprobe:
"Der Gewürzwein war bereits aufgetragen. Die Köche eilten geschäftig hin und her und brachten den wartenden Servierdienern die Gerichte: Kantaluppen in Sirup, Kapaunensuppe, gekochte Tauben in Sauce, gehacktes Kükenfleisch mit Salat, Braten vom Rehkitz mit einer italienischen Sauce und danach eine Eiercreme, die auf einer Torte aus grünen Parmänen verschämt zitterte."
Ein Mahl für einen König, genauer: für König Charles I. Doch es geht Lawrence Norfolk nur am Rande um den Herrscher von England, in erster Linie jedoch um den König der Küche: John Saturnall, ein Waisenkind, ausgestattet mit einem Geruchssinn, bei dem selbst Jean-Baptiste Grenouille aus Patrick Süskinds Roman "Das Parfüm" neidisch werden könnte.
Leseprobe:
"John atmete ein, und der Duft begann sich zu entfalten, die Aromen trennten sich an seinem Gaumen, und ein sonderbarer Sinneseindruck kratzte in seinem Hals. "Muskatblüte", sagte John. "Zerstoßener Kreuzkümmel. Koriandersamen, Majoran, Raute. Essig. Ein wenig Honig und…" Er verstummte. Die vier Hauptköche starrten ihn an."
Wie für alle seine Bücher hat Lawrence Norfolk auch diesmal genau recherchiert. Und deshalb gelingt es ihm, die Küche, in der sich John Saturnall unaufhaltsam nach oben kocht, mit zahlreichen Details und großem Vokabular zum Leben zu erwecken - auch ein Verdienst der hervorragenden und kenntnisreichen Übersetzung von Melanie Walz.
Das Leben in der Küche wird dabei zum Spiegel der damaligen Zeit: Dem 17. Jahrhundert in England, das geprägt war von religiösen Fanatikern und Bürgerkrieg aber auch maßlosem Überfluss. Und über allem schwebt eine sagenumwobene Legende vom "größten aller Festmahle".
Leseprobe:
"Sie haben es aufgeschrieben, diese ersten Männer und Frauen. Und diejenigen, die nach ihnen kamen, haben es fortgeschrieben. Generation um Generation. In dem Fest haben sie ihren Garten versteckt. Alles Grüne, das wächst. Alle Geschöpfe, die gedeihen. Sie alle hatten ihren Platz am Tisch des Saturnus."
Das Festmahl des John Saturnall ist einfacher konstruiert als Norfolks vorherige Romane, in denen er mehrere Handlungsebenen aus verschiedenen Jahrhunderten miteinander verknüpfte. Nein, diesmal ist es "nur" die Geschichte des John Saturnall und seines Festmahles. Doch diese ist so reich gewürzt mit überraschenden Wendungen, der richtigen Prise Humor und scharf gezeichneten skurrilen Nebenfiguren, dass sie auch für die Leserinnen und Leser zu einem literarischen Festmahl wird.
Lawrence Norfolks Roman "Das Festmahl des John Saturnall" erscheint auch als Hörbuch mit der Stimme von Heikko Deutschmann.

Lawrence Norfolk, aus dem Englischen von Melanie Walz