Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenZu den Verlagsprodukten von Corso gehört ein Magazin in Buchform, das auf jeweils 160 Seiten zu Städtereisen einlädt, mit großen Autoren als Gastgebern. Nach Paris und London ist es jetzt Wien. Eva Menasse lädt dorthin ein. Ihr erster Roman hieß "Vienna", und sie ist in Wien geboren und aufgewachsen. Annemarie Stoltenberg hat die Reise für Sie zur Probe gebucht.
Wien und seine Bewohner, das wussten wir sicherlich schon, können einem durchaus grantig, griesgrämig erscheinen. Eva Menasse beschreibt die gelegentlich zähnefletschende Herzlichkeit der Wiener:
"Für das körperlose Quälen seiner Mitmenschen hat der Wiener übrigens annähernd so viele Worte wie der Eskimo für den Schnee: "sekkieren", "häkeln", "pflanzen", "tratzen" ... Und der Deutsche ist sein liebstes Versuchstier".
Neben dem bösen, übellaunigen Wien gibt es natürlich auch das Stephansdom-, Kaffeehaus-, Fiaker-, und Walzerseligkeits-Wien.
"All diese Brüche und Gegensätze haben die Atmosphäre dieser Stadt aufgeladen, machen sie flirrend, vieldeutig, sarkastisch. Manchmal stelle ich mir die Frage, ob die Schönheit einer Stadt zum Charakter ihrer Menschen in einem umgekehrt proportionalen Verhältnis steht. Ob es nicht naheliegt, egozentrisch und herablassend zu werden, wenn man inmitten der Pracht lebt?“
Lautet eine der vielen blitzgescheiten und charmant gestellten Fragen der Wien-Gastgeberin Eva Menasse. Sie führt uns mit Hilfe der Dichter, deren Texte sie präsentiert, durch Prachtstraßen und dunkle Gassen, lockt in legendäre Heurigen-Lokale oder in finstere Abgründe.
Eine Wien-Reise ohne dieses Buch als Vorbereitung wäre vielleicht auch in Zukunft möglich, aber sinnlos. Oder besser noch die Vorstellung, das Buch zu lesen und nach Wien zu reisen, ohne den Liegestuhl, der sich immerhin liebevoll den eigenen Körperformen angepasst hat, verlassen zu müssen. Der Wiener Egon Friedell meinte einmal, die Meinung, dass Reisen bilde und den Verstand erweitere, gehöre zu den verbreitetsten Vorurteilen. Bei einer Reise nach Ägypten war er über freche Kellner, staubige Straßen empört und die Kamele sahen derart abgeschabt aus wie aus dem Kostümfundus in Wien geborgt. Im Wiener Zoo wären ansehnlichere.
Fußball, FKK auf der Donauinsel bis hin zu Schuberts Sehnen- Nur Wiedersehen, himmlisches Wiedersehen wird dieses Sehnen stillen! - ist alles in Eva Menasses Buch angeboten. Es macht wiensatt und wienhungrig zugleich.

Eva Menasse