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Link in neuem Fenster öffnenLisa-Maria Seydlitz ist als Literatin ein noch unbeschriebenes Blatt. 2008 war sie beim renomierten Bachmannpreis im österreichischen Klagenfurt Stipendiatin. Jetzt hat sie mit "Sommertöchter" ihren ersten Roman veröffentlicht. Katja Weise hat ihn gelesen.
Der Debüt-Roman von Lisa-Maria Seydlitz erzählt vom Umgang mit Verlust und vom Glück.
"Liebe Juno, das Haus steht schon so lange leer" - diese Worte können vieles bedeuten: Einladung, Mahnung, Aufforderung. Die junge Frau, Juno, die den anonymen Brief mit dieser Zeile aus der Bretagne bekommt, ist ratlos. Sie hat das weiße Fischerhaus mit dem roten Dach noch nie gesehen, das auf dem beigefügten Polaroid-Foto abgebildet ist und ihr angeblich gehören soll.
Leseprobe:
Ich kenne den Ort nicht, an dem das Haus stehen soll. Ich schalte den Computer ein und suche im Internet nach der Adresse. Das Satellitenbild zeigt ein paar Straßen und Häuser an einer blauen Küste. (...) In einer Bucht etwas abseits liegen Boote. (...) Ich versuche zu zoomen, das Haus ganz nah heranzuholen, aber je näher ich dem Ort komme, desto unschärfer wird alles.
Klarheit gewinnt Juno auch nicht, als sie nach langer Autofahrt vor dem Haus steht. Wie ist es in die Familie gekommen? Was bedeutete es ihrem verstorbenen Vater und: Wer ist Julie, die junge Französin, die dort Unterschlupf gefunden hat und ihr so ähnlich sieht?
Lisa-Maria Seydlitz entwickelt ihre Geschichte langsam und mit vielen Rückblenden. Sie dreht die beiden Handlungsstränge wie eine Kordel zusammen, folgt dabei in der Vergangenheit jedoch keiner Chronologie, sondern lässt die Erinnerungen aufsteigen - ungeordnet und schmerzhaft. Schmerzhaft, weil sie alle um den Verlust des Vaters kreisen, der unter schweren Depressionen litt und sich das Leben nahm, als Juno zwölf Jahre alt war. Danach zog sich das traumatisierte Mädchen mehr und mehr in sich zurück - auch, weil die Mutter verzweifelt versucht hat, alles hinter sich zu lassen.
Leseprobe:
Ich frage meine Mutter, ob wir nicht wenigstens das alte Sofa behalten können. (...) Meine Mutter schüttelt den Kopf, dann sagt sie, dass das nicht ginge, auf keinen Fall ginge das, denn sie sehe meinen Vater immer darauf sitzen."
Die Fahrt nach Frankreich acht Jahre später wird für Juno zu einer Reise in ein neues Leben, sie lernt loszulassen und anzunehmen.
Lisa-Maria Seydlitz gelingt mit diesem Roman ein kleines Wunder, denn trotz der schweren Thematik ist er ihr wunderbar leicht geraten. Das liegt vor allem an den dichten, atmosphärischen Miniaturen - auch denen des Glücks.
Leseprobe:
Meine Mutter sitzt auf meiner alten Schaukel, die mein Vater aus dem Schuppen geholt und an einem Ast des Kirschbaums befestigt hat. (…). Mein Vater steht hinter ihr und stößt sie immer wieder an. Mutters Lachen, laut und glucksend, wird über den Lärm des Rasenmähers bis zu mir getragen.
Ein großes Thema hat sich Lisa-Maria Seydlitz vorgenommen, doch sie will nicht zuviel. Sie schreibt klar und vermag mit wenigen Worten Stimmungen heraufzubeschwören.
Leseprobe:
Die Sonne scheint schräg durch die Äste des Apfelbaums und wirft ein helles, sich bewegendes Muster an die Hauswand. Ich warte darauf, dass Julie die Taste für den Selbstauslöser drückt. (…) Sie stellt sich neben mich, ihr Arm an meinem.
"Sommertöchter" ist ein ganz erstaunliches Debüt, ein traurig-schöner Roman, der viel erzählt vom Umgang mit Verlusten, das Glück dabei aber nie aus den Augen verliert.

Lisa-Maria Seydlitz