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Sire, ich eile

Er ist ein Großmeister der deutschen Sprache, berühmt für scharfsinnige wie sprachlich elegante Texte: Hans Joachim Schädlich. Sein neues Buch "Sire, ich eile" beschreibt die Beziehung von Friedrich II. zu Voltaire. Am 300. Geburtstag des Alten Fritz stellt Annemarie Stoltenberg das Werk vor.

Hans Joachim Schädlich: Sire, ich eile - Voltaire bei Friedrich II. (Buchcover) © Rowohlt Verlag Detailansicht des Bildes Hans Joachim Schädlich: Sire, ich eile - Voltaire bei Friedrich II. Dichtung hat auch etwas mit Verdichten zu tun und damit, komplizierte Dinge so knapp und präzise auszudrücken, dass keine 800-Seiten-Schinken notwendig sind, um etwas verständlich herauszuarbeiten.

Beim Lesen von "Sire, ich eile" empfindet man so etwas wie den seltenen Glücksfall, eine brillante Vorlesung hören zu dürfen. Wer den edel und präzise geschriebenen Text liest, kann auf die Lektüre vieler anderer Bücher zum Friedrich-Jubiläum verzichten.

Eine ungleiche Beziehung

Hans Joachim Schädlich beschreibt die Beziehung zwischen zwei hochkomplizierten Persönlichkeiten, beide sehr kapriziös, hungrig nach Anerkennung, nach geistvollem Gespräch. Der Eine ist mächtig, der Andere zumindest äußerlich abhängig. Eine unausgewogene Freundschaft, die grandios scheitert. Fast lakonisch, ohne psychologische Unterstellungen lotet Schädlich aus, warum.

Es gibt den bösen Satz von Friedrich über Voltaire:
"Lassen Sie nur. Ich brauche ihn höchstens noch ein Jahr. Man presst eine Orange aus und wirft die Schale weg."

 

Hans Joachim Schädlich - Vita

Der Schriftsteller wurde 1935 im Vogtland geboren. Er studierte Germanistik und Linguistik in Berlin und Leipzig.

Mit dem Verfassen literarischer Texte begann er Ende der 60er-Jahre, soweit diese die Zustände in der DDR kritisierten, fielen sie jedoch der Zensur zum Opfer. Dagegen genoss allerdings auch hohe Achtung als Mitglied der Ostberliner Akademie der Wissenschaften. Als Schädlich jedoch nach der Ausbürgerung von Wolf Biermann eine Resolution unterschrieben hatte, wurde er in der DDR nicht mehr veröffentlicht. So übersiedelte er 1977 nach Westdeutschland.

Schädlich ist vielfach ausgezeichnet, er bekam unter anderem 1992 den Heinrich-Böll-Preis, 2007 den Literaturpreis der Stadt Bremen und 2011 den Joseph-Breitbach-Preis.

Heute lebt Hans Joachim Schädlich wieder in Berlin.

Die Gunst, die er Voltaire erwies, und die Schmeicheleien, mit denen er ihn zu sich nach Potsdam und Berlin lockte, hatten bei Hofe Eifersucht und Neid hervorgerufen. Zunächst brauchte Friedrich Voltaire, um seinen Text "Antimachiavell", eine brave, idealistisch verbrämte, hehre Ziele vertretende philosophische Schrift in ein Buch zu verwandeln und herauszubringen. Voltaire war der Mann, der das besorgte. 1740 erschien das Buch, das dann schon keine Bedeutung mehr für den Verfasser hatte.

Voltaire präsentierte Friedrich eine Reisekostenabrechnung:
Es kam eine Summe von 1.300,- Louisdor zusammen; Friedrich zahlte unwillig und verstimmt.

Der Schriftsteller und die Macht

Voltaires Geliebte Émilie de Châtelet reagierte von Anfang an misstrauisch.

Leseprobe:
Émilie war aufgebracht. Sie fürchtete, Voltaire an Friedrich zu verlieren. Denn über Friedrichs Absichten gab sie sich keinen Illusionen hin.

Voltaire hätte sich einiges ersparen können, wenn er auf die Warnungen seiner Lebensgefährtin gehört hätte. Er jedoch schrieb an Friedrich:
"Sire, ich eile, ich werde kommen, tot oder lebendig."

Im Käfig des Tigers

Zunächst war das Leben bei Hofe für ihn angenehm, er beschäftigte sich mit dem Lektorat der königlich-literarischen Versuche und hatte den Rest des Tages für sich.

Leseprobe:
Friedrich streichelte Voltaire mit königlicher Samtpfote. Voltaire schien vergessen zu haben, dass es eine Tigertatze war, deren Hieb ihn zerschmettern konnte.

Er schrieb später den kühnen Satz:
"Werden Sie denn niemals aufhören, Sie und Ihre Amtsbrüder, die Könige, diese Erde zu verwüsten, die Sie, sagen Sie, so gerne glücklich machen wollen?"

Der Franzose hatte seine Schuldigkeit getan

Friedrich fror seine Gunst für Voltaire aus verschiedenen Gründen ein, er brauchte ihn nicht mehr. Voltaire versuchte zu fliehen und wurde noch genüsslich gedemütigt, unter Hausarrest gestellt und mit Behördenwillkür traktiert.

Zum Schluss lebte Voltaire am Genfer See mit einer neuen Geliebten, in einem Haus mit einem großen Garten und Blick auf den Genfer See und die Alpen. Und Friedrich? Der war wieder einmal der durch nichts Große.

Man kann Hans Joachim Schädlichs Text relativ zügig durchlesen, er hat Widerhaken, die danach lange im Kopf rumoren, Bezüge erzeugen und die Gedanken befruchten. Es macht Freude, damit die Gehirnzellen zu füttern.

Hans Joachim Schädlich: Sire, ich eile - Voltaire bei Friedrich II. (Buchcover) © Rowohlt Verlag

Sire, ich eile - Voltaire bei Friedrich II. Eine historische Novelle

Hans Joachim Schädlich

  • Typ: Buch
  • Bestellnummer: 978-349806416-7
  • Verlag: Rowohlt, 128 Seiten
  • Preis: 16,95 €
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Sire, ich eile

24.01.2012 | 12:40 Uhr
NDR Kultur

Ein Roman von Hans Joachim Schädlich - NDR Kultur stellt ihn vor.

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Hans-Joachim Schädlich © picture-alliance / dpa Fotograf: Carmen Jaspersen
 
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Hans Joachim Schädlich im Gespräch

21.01.2012 | 18:00 Uhr
NDR Kultur

Der Schriftsteller über sein neues Buch "Sire, ich eile".

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Sendereihe
Annemarie Stoltenberg © NDR Online Fotograf: Mathias Heller
 

Stoltenberg liest

03.01.2012 | 07:20 Uhr
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