Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenNach dem Willen des Verlags wird der neue Roman von Charlotte Roche mindestens das Buch des Jahres, wenn nicht des Jahrtausends. Seit Monaten wird das Publikum darauf vorbereitet durch das marktschreierische Versprechen, der neue Roche werde noch "krasser" als ihr Debüt "Feuchtgebiete", das vor dreieinhalb Jahren für erhebliche Aufgeregtheiten sorgte. Nun sind also die "Schoßgebete" da. Alexander Solloch hat das Werk bereits gelesen.
Charlotte Roche bei ihrer letzten Moderation der Radio-Bremen-Talkshow 3 nach 9 im Januar 2010.
"Und jetzt kommt der erste eigentliche Satz des Romans, Achtung!", so sprach Charlotte Roche schon einmal," 'So lange ich denken kann, habe ich Hämorrhoiden.' Ja! Da habe ich lange dran gefeilt, an dem Satz ..."
Das stimmte schon damals nicht, was die selbsternannte "Hochstaplerin" Charlotte Roche über ihre "Feuchtgebiete" sagte, und es stimmt auch diesmal nicht. Charlotte Roche feilt nie, weder lang noch kurz, an irgendetwas.
Leseprobe:
"Wie immer vor dem Sex haben wir beide Heizdecken im Bett eine halbe Stunde vorher angemacht."
Wagemutig will sie sein und provokant, und doch tut diese Autorin das Un-Überraschendste zwischen Himmel und Erde: Sie lässt ihren Roman mit einer Sex-Szene beginnen - immer schön auf die Erwartungen des Publikums hingeschrieben.
Leseprobe:
"Wenn ich schnell alles sauber gelutscht hab, riecht da nichts mehr. Wie eine Kuh ihr Kalb sauber leckt. (...). Ich küsse die Leisten, oder wie das heißt, wo die Beine am Rumpf festgewachsen sind. Spätestens da höre ich ihn leicht stöhnen und nach mehr verlangen. Im Moment geht es nur ums Bedienen. Ich überlege genau, welchen Rhythmus was haben muss, um ihn in den Wahnsinn zu treiben. (...) Erst mal nur ärgern. Bei den Leisten bleiben, die Eier immer noch fest mit der Hand umschlossen. Vom Küssen langsam ins Lecken übergehen. Ich mache laute Schmatzgeräusche, damit er nicht nur fühlt, sondern auch hört, was ich da mache. Unter dem Sack ertaste ich die Verlängerung des Schwellkörpers, der bis zum Damm geht. Sagt man beim Mann überhaupt Damm?"
Charlotte Roche wurde am 18. März 1978 in High Wycombe, Großbritannien, geboren. Im Alter von acht Jahren kam sie von London nach Deutschland.
Ihr erster Roman "Feuchtgebiete" löste mit seiner radikalen sexuellen Offenheit eine gesellschaftliche Debatte aus und war 2008 in Deutschland das meistverkaufte Buch.
Die Autorin war unter anderem Moderatorin für VIVA, 3sat und das ZDF und wurde mit dem Grimme-Preis sowie dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Ihre unkonventionelle Art der Interviewführung war anerkannt, aber umstritten. Ihre Co-Moderation der Radio-Bremen-Talkshow 3 nach 9 endete Anfang 2010 einvernehmlich nach nur vier Monaten.
Und so geht das weiter, immer weiter und weiter, Schwellkörper schwellen an und wieder ab, Würmer kriechen aus Po-Löchern. Und zwischendurch wird auch mal, vermutlich in metaphorischer Absicht, die Anatomie eines zu kochenden Wirsingkopfs analysiert - alles sehr detailliert, alles sehr hölzern und geschwätzig geschrieben, ohne Spannungsbogen, ohne Dramatik. Was verwegen sein soll, erweist sich als Gratis-Mut. Die Provokateurin ist ja doch nur eine Meisterin der Langeweile.
Wenn da nicht immerhin der lehrreiche Tipp wäre, wie man beim Zwiebelschneiden tränende Augen vermeidet - indem man nämlich ganz leicht die Zunge rausstreckt, die die Säure vor dem Auge abfängt -, vom ersten Drittel des Buches bliebe nichts, gar nichts haften. Das Ärgerliche daran ist: Diesmal hat die Autorin tatsächlich etwas zu erzählen - eine Geschichte, die sie unbegreiflicherweise hinter den öden Geheimnissen der Schamhaar-Rasur und des Vagina-Schleims versteckt.
Leseprobe:
"Mein Mann hat einen Scherbenhaufen geheiratet."
Charlotte Roche verarbeitet - nachdem sie einen Großteil der Leser in den Schlaf provoziert hat - ihr großes Familientrauma: den schrecklichen Unfalltod ihrer drei Brüder, die vor zehn Jahren auf dem Weg zu ihrer Hochzeit auf einer belgischen Autobahn verbrannten. Sie schreibt auch von der medialen Vergewaltigung der Hinterbliebenen durch den Boulevard. Elizabeth Kiehl, das Alter-Ego der Autorin, kann nicht anders, als sich die Brüder, deren Leichen sie ja nie sah, noch lebend vorzustellen.
Leseprobe:
"Sie leben jetzt im Wald von Belgien, bei all den Tieren, die noch nicht von uns brutalen Fortschrittswirtschaftswachstumsautofahrern überfahren wurden. Der Unfall hat sie natürlich sehr mitgenommen, sie sind seitdem verrückt, können sich an nichts erinnern. (...) Sie ernähren sich von Waldbeeren und jungen Trieben, wie Indianer, im Einklang mit der Natur. Sie sind nackt und schmutzig und haben lange Haare. Alle drei haben seit dem Unfall ihre Sprache verloren und verständigen sich nur durch Blicke. Sie verstehen sich blind, denn sie sind Überlebende. Sie summen laut, sie wissen nicht, welches Lied sie summen, aber es ist 'Lucky Man' von The Verve."
Eine böser Verdacht - ja, einer, der wirklich böse macht - keimt auf: Vielleicht kann Charlotte Roche ja doch schreiben - dann, wenn sie nicht glaubt, längst überkommene Tabus noch einmal brechen zu müssen; dann, wenn die schiere Not sie treibt, das Leiden am Nichts, in das die Brüder gestoßen wurden, das Leiden an der hier als "Druck"-Zeitung kaum verbrämten "Bild", die auf den Gräbern tanzt.
Leseprobe:
"Ihr seid schlecht für unser Land. Ihr tut so, als wärt ihr Christen, dabei seid ihr das genaue Gegenteil. Für eure Arbeit hättet ihr äußerste gesellschaftliche Ächtung verdient. Das weiß ich jetzt."
Über diese Geschichte würde man gern mehr lesen. Am Ende geht es bei Charlotte Roche aber doch wieder um das Fassungsvermögen eines menschlichen Afters. So vergreift sie sich an ihrer eigenen Geschichte - und der Sinn, der Schmerz verschwinden im Po-Loch der Bedeutungslosigkeit.

Charlotte Roche