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Link in neuem Fenster öffnenDer Schriftsteller Wolfgang Herrndorf hat zuletzt Kritiker und Leser gleichermaßen begeistert mit seinem Roman "Tschick" über zwei 14-Jährige Jungen, die in einer lieblosen Welt ihren eigenen Weg suchen. Jetzt liegt sein neuer Roman "Sand" vor. Sein Text-Stil wirkt völlig neu, doch nur auf den ersten Blick, sagt Ulrike Sárkány. Am 15. März erhielt Herrndorf in der Kategorie "Belletristik" den Preis der Buchmesse Leipzig.
Der Schauplatz: ein imaginäres nordafrikanisches Land, unter anderem mit einem rattenähnlichen Fabeltier genannt Ouz. Die Zeit: Spätsommer 1972. Das Münchner Olympia-Debakel und andere reale Gegebenheiten kommen vor.
Leseprobe:
Das aber war genau das Problem der Kameltreiber: Sie wollten mit dem Atom rummachen und wussten nicht, wie Zentrifuge geht.
Da ist der Schwede Lundgren, Tarnname Herrlichkoffer, der etwas Illegales zur Uranspaltung - sieht aus wie eine Espressomaschine - zu verkaufen hat. Er ist nur einer der vielen Charaktere, die zu Beginn auf einen einstürzen. Nach dem Vorbild der klassischen Tragödie hat Wolfgang Herrndorf seinen Roman in fünf Bücher eingeteilt: "Das Meer", "Die Wüste", "Die Berge", "Die Oase" und: "Die Nacht".
Das erste Buch, die Exposition, wartet mit so vielen bizarren Details auf, dass man erst mal gründlich den Überblick verliert.
Er wurde 1965 in Hamburg geboren. Nach einem Studium der Malerei hat Wolfgang Herrndorf unter anderem als Illustrator für die Satirezeitschrift "Titanic" gearbeitet.
Sein Debütroman "In Plüschgewittern" erschien 2002, fünf Jahre danach der Erzählband "Diesseits des Van-Allen-Gürtels". Sein Roman "Tschick" war 2010 der Überraschungserfolg des Jahres, im Oktober 2011 hatte die Hörspiel-Fassung als NDR Produktion Premiere.
Herrndorf ist mehrfach ausgezeichnet, etwa mit dem Deutschen Erzählerpreis (2008), dem Brentano-Preis (2011), dem Deutschen Jugendliteraturpreis (2011) und dem Hans-Fallada-Preis (2012). Er lebt in Berlin.
Völlig das Gedächtnis verloren hat ein kopfverletzter junger Mann, der am Anfang des zweiten Buchs erkennen muss, dass man ihm nach dem Leben trachtet - aus für ihn unersichtlichen Gründen. Er wird zur Sympathiefigur, und ab jetzt erlebt man die Handlung als rasanten Agententhriller.
Leseprobe:
"Larbi hat einem den Schädel eingeschlagen. Mit dem Wagenheber. Hat gekracht wie morsches Holz."
"Habt ihr’s?" wiederholt der Vierte, und der Kleine wendet sich zum Dicken um, und der Dicke sagt: "Cetrois ist damit in die Wüste."
"Ich denk, du hast ihm den Schädel eingeschlagen?"
"Nicht Cetrois."
"Wem dann?"
"Keine Ahnung."
"Wo ist Cetrois?"
"Der kommt nicht weit."
Der Amnestiker auf der Suche nach seiner Identität stellt intelligente Nachforschungen an und gerät permanent in Lebensgefahr. Auf die Idee, dass die hilfreiche blonde Amerikanerin Helen, vorgeblich Kosmetikvertreterin, seine größte Feindin sein könnte, kommt er nicht.
Leseprobe:
Er spürte ein sonderbares Gefühl für diese Frau in sich aufsteigen, ein, wie er sich sagte, möglicherweise unangebrachtes und irregeleitetes Gefühl. Sie war es gewesen, die ihn gerettet hatte, sie hatte ihm ein Dach über dem Kopf gegeben und ihn gepflegt, sie war sein Rettungsanker in einer hoffnungslos versunkenen Welt. Es war nicht Dankbarkeit. Es war etwas anderes. Es schnürte ihm die Kehle zu.
Wenn ein Roman in der Wüste spielt, ist die philosophische Grundierung fast von allein gegeben. Der Protagonist wird sich nach schier übermenschlichen Anstrengungen aus einer ausweglosen Lage befreien, um endlich durch ein dummes Missverständnis doch noch zu scheitern.
In der Mischung aus Galgenhumor, farbkräftiger Situationskomik und einer an "Candide" erinnernden symbolischen Reise zum Ich ist sich Wolfgang Herrndorf absolut treu geblieben. Und wenn man am Ende des Buchs nochmal an den Anfang zurückkehrt, bekommen die verwirrenden Geschehnisse eine halbwegs logische Konsequenz. Wer's wirklich kapieren will, muss sich richtig 'reingraben. Aber Spaß macht die Lektüre dieses "weiten Felds zwischen Unterhaltungs-, Schund- und Gesellschaftsroman", wie der Autor sein Buch beschreibt, auch ohne dass man die Intrige vollends begreift.

Wolfgang Herrndorf