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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Amerikanischen von Harry Rowohlt
"Wer nicht fragt, bleibt dumm!", das lernen Kinder schon in der Sesamstraße. Aber wenn man klug und erwachsen geworden ist, muss man dann noch Fragen stellen? "Auf jeden Fall", sagt der US-amerikanische Autor Padgett Powell und hat gleich einen ganzen "Roman in Fragen" geschrieben. Worum es geht? Jan Ehlert weiß die Antwort.
Padgett Powell: Roman in Fragen
Erinnern Sie sich an Gesellschaftsspiele, bei denen intime Fragen gestellt wurden, die man dann vor seinen Freunden oder Partybekanntschaften beantworten musste? Fragen wie: "Welchen Toten würden sie gern wieder zum Leben erwecken" oder "Wie hoch war die höchste Summe, die sie je für einen wohltätigen Zweck gespendet haben, und was war das für ein Zweck?". Padgett Powells neuer Roman wäre wie geschaffen für diese Art Spiel, zumindest auf den ersten Blick. Denn Powell geht es um mehr als um Partyunterhaltung.
Leseprobe:
"Beurteilen Sie ein Verbrechen aus Leidenschaft milder als seinen mit Vorsatz ausgeübten Cousin? Bereiten Ihnen Socken Sorgen, die farblich zwar durchaus, in subtilerer Hinsicht jedoch nicht zur übrigen Kleidung passen? Ist Ihnen klar, was ich damit meine? Ist Ihnen klar, warum ich Ihnen all diese Fragen stelle? Ist Ihnen, meinen Sie, überhaupt vieles klar, oder nur sehr wenig, oder schwimmen Sie irgendwo dazwischen im trüben Meer des Erwartbaren?"
Padgett Powell: "Also in einer Welt, in der viel zu wenig Fragen gestellt werden, weil die Antworten längst festgelegt worden sind. In der Meinungen nicht mehr selbst gebildet werden, sondern nur noch Abbildungen anderer Meinungen sind. In der wir uns niemals ernsthaft Gedanken darüber gemacht haben, wer zum Beispiel unser Lieblingsmaler ist und warum. Oder wie eine Mikrowelle funktioniert. Und genau auf so eine fragenlose - und daher höchst fragwürdige - Welt steuern wir zu."
Leseprobe:
"Ist Ihnen die Gewissheit ein Trost, dass es immer noch Menschen auf Erden gibt, die wissen, was sie tun? Oder sind Sie, wie ich, eher der Ansicht, dass die Menschen, die wussten, was sie taten, so um 1945 herum auszusterben begannen, womit sie etwa jetzt so ziemlich fertig sind? Dass sie durch Fälschungen und Poseure ersetzt wurden? Dass in noch einmal zehn Jahren, wenn alles per Segway reist und mittels ins Zahnfleisch implantierter Handys telefoniert, die ratlose Welt aufs Schmerzlichste unmittelbar bevorsteht?"
Powells "Roman in Fragen" ist kein Roman im klassischen Sinne. Es gibt keine Handlung, keinen Protagonisten, keinen Anfang und kein Ende. Powells Text besteht tatsächlich nur aus Fragen, aneinandergereiht auf 185 Seiten. Einige von ihnen sind amüsant, viele von ihnen banal, aber in ihrer Gesamtheit treffend und verunsichernd.
Es ist ein Appell an die menschliche Neugier, ein Aufruf dazu, wieder Dinge entdecken zu wollen, etwas zu verändern und die vielen Wunder und Bedrohungen des Lebens nicht länger unhinterfragt hinzunehmen. Und das ist - ganz ohne Frage - bereits viel mehr, als die meisten Bücher bei ihren Lesern erreichen.

Padgett Powell, aus dem Amerikanischen von Harry Rowohlt