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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Englischen von Rainer G. Schmidt
Gerade rechtzeitig vor Weihnachten ist eine kleine bibliophile Kostbarkeit erschienen: "Menura. Prächtiger Vogel Leierschwanz" von Ambrose Goddard Hesketh Pratt. In Sydney erschien das das Buch bereits 1933. Der Verlag Friedenauer Presse schreibt jetzt am Ende des Buchs, man habe sich vergeblich bemüht, die Urheberrechte zu klären - so möge sich der Rechteinhaber an den Verlag wenden. Also ein Glücksfund, dieser Vogel, findet Annemarie Stoltenberg.
Von einem zauberhaften Buch, das er kürzlich entdeckt habe, erzählte der Schriftsteller Elias Canetti in der Nachkriegszeit, es sei von einem australischen Autor namens Ambrose Pratt geschrieben. Als seine Kollegin Iris Murdoch ihn besuchte, war sie durch den Tod eines Freundes tief betrübt und Canetti gab ihr zum Trost dieses Buch als Geschenk beim Abschied am Bahnhof.
Kurz darauf dachte er, so traurig könne er sie doch nicht allein lassen und kehrte zum Bahnsteig zurück. Dort sah er Iris Murdoch glücklich lächelnd in das Buch vertieft auf einer Bank sitzen. Wer es selbst in die Hand bekommt, wird das verstehen. Man kann unmöglich diesen Text lesen und währenddessen daran denken, "dass es auch traurige Dinge auf der Welt gibt".
Der Leierschwanzvogel ist in Australien zuhause, er ist nicht nur besonders schön und prächtig anzuschauen, es ist ein verblüffend intelligenter, lernfähiger, ungewöhnlicher Vogel.
Das Tier gehört im weiteren Sinne zu den Sperlingsvögeln und lebt in den Bergwäldern Südostaustraliens. Europäer erinnert seine Erscheinung an einen Fasan.
Der "Menura" fällt auf durch sein farnähnliches graubraunes Gefieder, dessen Schwanzfedern über 50 Zentimeter lang sein können. Er hat eine ungewöhnlich vielseitige Stimme - Männchen wie Weibchen - und kann Geräusche nachahmen, die er hört - er imitiert andere Vögel, Maschinen, auch menschliche Stimmen oder Musikinstrumente und: Er tanzt zu seiner eigenen Musik.
Leierschwänze sind grundsätzlich sehr scheu.
Pratt erzählt von einer Dame, die sich mit einem wilden Leierschwanzvogel in ihrem Garten angefreundet hat. Sie nennt ihn James und entwickelt eine bizarre Freundschaft zu dem Tier. Er tanzt für sie, unterhält sie mit den erstaunlichsten Gesangsdarbietungen.
Leierschwanzvögel sind Meister der Stimmenimitation, sie können vom Klacken eines Fotoapparates bis zu Baumfäll-Geräuschen alles nachahmen - und die Gesänge der anderen Vögel sowieso.
Leseprobe:
Als er schließlich des Nachahmens müde war, begann er, zu einer ganz eigenen geisterhaften und beschwingten Musik zu tanzen. Indem er mit regelmäßigen Schritten und rhythmisch schwingenden Bewegungen des Körpers vortrat und zurücktrat (immer sein Publikum anblickend), wob er auf der Plattform ein fremdartiges Muster mit seinen Füßen, die er in periodischen Abständen nach Art menschlicher Tänzer kreuzte, bis zum Höhepunkt des Pas seul - drei schnelle Schritte.
Das Publikum bestand in diesem Fall aus australischen Vogelkundlern, die von Mrs. Wilkinson und ihrem Freund James gehört hatten und sich in ihrem Wohnzimmer sitzend nicht satt sehen konnten vor Begeisterung. 43 Minuten tanzte James für sie. Er war ganz nebenbei wohl auch ein wenig eitel. Als die Forscher Mrs. Wilkinson flüsternd baten, ihn um eine Zugabe zu bitten, war er sogar dazu bereit.
Der Graurücken-Leierschwanz durchstreift australische Bergwälder am Boden.
Einmal versuchte Mrs. Wilkinson, ihrem James eine Freude zu machen und streute seine Lieblingsspeisen aus. Er reagierte mit etwas, das man unter Menschen als Tobsuchtsanfall bezeichnen würde. Offenbar empfand er die Fütterung als Beleidigung. Auch ein zweiter Versuch endete mit einem Wutanfall seinerseits. Tagelang maulte und schwieg James.
Dies sind zwei winzige Kostproben aus der Geschichte über den prächtigen Vogel Leierschwanz, man erfährt erstaunliche Details über sein Brutverhalten, seine Gewohnheiten und seinen Lebensraum.
Eine CD mit seinem Gesang gehört mit zu diesem Buch, das man lächelnd liest, der profanen Welt für eine Weile gänzlich entrückt.

Ambrose G. H. Pratt, herausgegeben und aus dem Englischen übersetzt von Rainer G. Schmidt