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Link in neuem Fenster öffnenArno Schmidt – das ist der große, oft so schwer zugänglich und rätselhaft wirkende Dichter von Mammutwerken wie "Zettels Traum" oder "Abend mit Goldrand". Arno Schmidt wurde 1914 im Hamburger Stadtteil Hamm geboren, in einer Zweizimmerwohnung im dritten Stock, der Vater war Polizeioberwachtmeister. Es war eine Kindheit "ohne Goldrand". Ein Bild der Epoche und der Jugend eines Dichters, den Übergang von der Biographie zur Phantasie zeigt jetzt ein Dokumentarband: "Arno Schmidt in Hamburg". Herausgegeben von Joachim Kersten. Annemarie Stoltenberg stellt Ihnen das Buch vor.
Cover des Buches "Arno Schmidt in Hamburg"
Da man zur Lektüre von Arno Schmidt gern die Fähigkeiten eines Sherlock Holmes, eines Spurenlesers, eines Privatgelehrten oder Geheimagenten mitbringen darf, ist es höchst aufschlussreich, eine Ortsbegehung dorthin zu unternehmen, wo er geboren ist.
Joachim Kersten bietet mit seiner Kollage aus Texten, alten Fotos, Skizzen und Briefen nicht zuletzt das Handwerkszeug für einen neuen Zugang in das Werk. Wer mehr über die Lebensumstände weiß, hat auch mehr Vergnügen beim Aufstöbern von Verbindungen in frühere Jahrhunderte, zu vergangenen literarischen Epochen.
Vieles kommt auch erst im Vortrag zum Klingen: "Vorausgeschickt muß werd`n, daß mein Hamburg nichts mit der gängijen Vorstellung des Reisenden, oder der des hundertprozentiijen Hambürgers, zu tun hat: Hafen, Alster, Rathausmarkt, City-allgemein – (obwohl ich das selbstrednd auch geseh`n habe!) – waren für mich Nebensache, unbedeutend, ein selten erblickter lärmender Rand. (Bei ILSE FRAPAN hört man einen weit typischeren <hanseatischn Ton<; (obschon sie fürchterlichen Blödsinn schreiben konnte: <Ich neide Euch Eure Gärten nicht, ihr Kinder in Hamm und Horn!< : von einem Kinde aus Hamm< wird sie jetzt gleich was hör`n.))"
Joachim Kersten liest Arno Schmidt, gemeinsam mit Bernd Rauschenbach und Jan Philipp Reemtsma.: "In die Schule gegangen ganz-ungern. Ich war, in jedem Sinne, der geborene Autodidakt."
Im Buch "Arno Schmidt in Hamburg" haben der Herausgeber Joachim Kersten und der Buchhersteller Friedrich Forssman das Kunststück vollbracht, in Montagen von Texten, Dokumenten, Briefen und Fotos darzustellen, was es bedeutete, in den Jahren nach 1914 in derart beengten Verhältnissen in Hamburg-Hamm aufzuwachsen, und wo überall sich diese Kindheit im Werk spiegelt und verwendet wird, sagt der Herausgeber Joachim Kersten: "Wer die Erinnerungen von Schmidt aus Hamburg-Hamm liest, mit denen das Buch anfängt, der wird von Arroganz nichts entdecken, sondern von einer leicht von Tragik überzeichneten, schwierigen Kindheit."
Der Vater war Polizeioberwachtmeister und hatte, wie Mutter Schmidt es zaghaft formulierte, so „seine wenig schönen Eigenschaften“. In der Kollage von Texten, Zeitzeugenberichten und Bildern wird die Unsicherheit eines Mannes deutlich, der zwischen Wohnküchenmief und Elfenbeinturm eines Überbegabten von Jugend an lebt und denkt. Man riecht die Atmosphäre muffiger Behausungen, die Tristesse öffentlicher Plätze, Kohleheizung und Eintopf und sieht, wie das zu Literatur geschliffen wird.
Bärbeißig und unverwechselbar. Wer sich bisher vor Arno Schmidt gefürchtet hat – so wie vielleicht dieser vor der feinen Gesellschaft - dem sei gesagt, dass die Sphäre der sogenannten Hochliteratur hier begehbar wird. Zirkusdirektor und Textdompteur Joachim Kersten ruft: Hereinspaziert! Die Türe in das Werk von Arno Schmidt steht, auch durch den Band "Arno Schmidt in Hamburg", weit offen für jeden, der Freude hat an knackigen, knorrig-knurrigen und widerborstigen Texten.

Joachim Kersten (Hrsg.)