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Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenDer Kunsthistoriker und Maler Hajo Düchting beschäftigt sich mit dem ältesten Thema der Malerei: Licht und Schatten. Seinen neuen Bildband zum Thema stellt Annemarie Stoltenberg vor.
Zu Weihnachten feiern wir auch etwas ganz Heidnisches: Dass es ab jetzt wieder aufwärts geht. Die Tage werden wieder länger ab Ende Dezember und wohl jeder Mensch sehnt sich nach Licht.
Hajo Düchting zeigt gleich zu Beginn seines prächtigen Bildbandes einen Gemäldeausschnitt von Edward Hopper: "Menschen in der Sonne". Fünf Personen haben ihre Liegestühle Richtung Sonne ausgerichtet, voller Sehnsucht nach warmen Sonnenstrahlen, denn voneinander erwarten sie keinerlei Wärme.
Vermutlich sind es Menschen des Nordens, Skandinavier erkennt man, laut eigenem Bekunden, immer sofort daran, dass sie ihre Gesichter nach jedem Sonnenstrahl recken, weil sie das Licht im Winter so lange entbehren. Sonne ist im Norden von Europa weiblich, im Süden aggressiver und männlich.
Hajo Düchting führt den Betrachter mit immer wieder beeindruckender Sachkenntnis und Spracheleganz durch die Kunstgeschichte und ihre Lichtphänomene, den Umgang der Maler mit Licht und Schatten. Er erzählt von einer Art Säkularisierung des Lichts im 14. und 15. Jahrhundert, der Übergang vom Eigenlicht des Goldgrundes zum Beleuchtungslicht der Tafelmalerei. Engel, Sonne, Mond und Fackeln beleuchten die Dinge, alles andere versinkt im Dunkel.
Leseprobe:
War im Mittelalter alles Licht überirdischen Ursprungs, so bestehen nun zwei Lichtsphären nebeneinander: die sinnliche Lichtsphäre der physikalischen Phänomene und die übersinnliche, die dem Verstand unbegreiflich ist. Erst seit der Maler das Licht verweltlicht und rationalisiert hat, ist er auch imstande, es wieder zu entmaterialisieren und zu einer visionären Kraft zu steigern. Einzelne Maler versuchen die Verschmelzung beider Sphären, das heißt, die Verwandlung des weltlichen Lichts in eine überweltliche, spirituelle Erscheinung.
Wer eine Kirche, ein Schloss oder ein Museum allein besichtigt, sieht viel, wer dabei einen Führer hat, erlebt und sieht tausendmal mehr. Hajo Düchting führt in diesem Sinne durch die Kunstgeschichte und beleuchtet die Szenerie so, dass es dem Betrachter eine beglückende Freude ist.
Leseprobe:
Auch der Romantiker Caspar David Friedrich war ein Maler von unfassbar atmosphärischen Lichtstimmungen, meistens melancholischer Abend- und Nachtszenen, die den unglücklichen, immer skeptischen und misstrauischen Charakter des Künstlers widerspiegeln."
Daneben zu sehen ist das symbolträchtige Bild: "Frau vor der aufgehenden Sonne". Dann geht es in der Kunstgeschichte weiter zu der flüchtigen Welt der Schatten, dem Zauber des Zwielichtes und der Hitze der Nacht mit gezielt gesetzten Lichteffekten.
Die Reproduktionen der großen Gemälde in dem Band sind brillant. Man nehme ein Enkelkind auf den Schoß und betrachte den Band gemeinsam oder man ziehe sich vom Trubel zurück, um das Buch allein zu durchstöbern. Augennahrung zu Keksen und Christstollen - sehr bekömmlich!
Der Umschlag könnte für den Wohnzimmertisch von Architekten gestaltet sein: Dezentes Licht fällt in einen grauen, leeren Raum. Aber drinnen geht der Licht- und Farbenjubel los.

Hajo Düchting