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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Französischen von Karin Uttendörfer
Weckt nicht den Seelenschmerz, der in Euch schlummert, so lautet ein weiser Ratschlag. Aber oft helfen alle gutgemeinten Ratschläge nichts: Ein Blick, ein Kuss, ein Abschied - und der Schmerz wird zum ständigen Begleiter. Davon erzählen viele Gedichte und Chansons, und davon erzählt auch die französische Schriftstellerin Judith Perrignon in ihrem ersten Roman "Kümmernisse". Jan Ehlert stellt ihn vor.
"Liebe ist oft nicht mehr als ein schöner Unfall. Die unsere forderte ein Opfer. Dich". Das sind die letzten Worte, die Helena von ihrem Geliebten erhält. Abgegeben nicht bei ihr, sondern bei einem unbeteiligten Journalisten.
Nach einem gemeinsamen Raubüberfallauf auf einen Juwelier wird Helena gefasst, der geliebte Komplize kann entkommen und bleibt flüchtig. Seinen Namen gibt Helena nicht preis.
Helena glaubt an diese Liebe, geht für sie sogar ins Gefängnis. Dort bringt sie Monate später eine Tochter zur Welt. Ihre Gefühle für den Verschwundenen sind dennoch so groß, dass in ihrem Herzen kein Platz mehr bleibt für jemand anderen - auch nicht für die Tochter.
Leseprobe:
Helena, was bist du nur für eine Frau? Was hindert dich daran, sie zu lieben, sie zu küssen, sie in deine Arme zu nehmen? Und was hat dich getrieben, extra zu betonen, dass nicht du selbst die kleine Stoffpuppe, die du für sie hattest, gemacht hast, sondern eine andere Mitgefangene aus der Werkstatt? Ich flehe dich an. Liebe sie!
Doch das Flehen der Großmutter ist umsonst. Auch nach ihrer Entlassung, fünf Jahre später, bleibt Helena verschlossen, verletzt und verbittert. Was wirklich in ihr vorgeht, das lässt Judith Perrignon die Leser nur erahnen.
Sie ist Mitte 40, war lange Zeit Journalistin der Zeitschrift "Libération" sowie Essayistin und Autorin, bevor sie sich ganz der Schriftstellerei widmete. "Kümmernisse" ist ihr erster Roman.
Judith Perrignon lebt in Paris.
Nie ist es Helena selbst, die zu Wort kommt, immer nur ihre Begleiter: Die Tochter, die Großmutter, der Journalist. In Briefen und Tagebucheinträgen, in Gesprächen und Gedanken. Und jeder von ihnen hat seine eigene Geschichte, die ihm das Herz gebrochen hat.
Leseprobe:
Mein Sohn rief gestern an. Das kommt selten vor. Er fehlt mir. Einem Pfeil gleich flog er davon vor nunmehr fünfzehn Jahren, und ich wünschte mir, sein Bogen gewesen zu sein. Zu vergessen, was er zu mir gesagt hat: "Du hast immer nur an Dich gedacht!"
Judith Perrignon gibt Trauer und Schmerz viel Zeit, um sich zu entfalten. Oft verstecken sie sich in einem Nebensatz, in einer kleinen Bemerkung, in der plötzlich die Resignation spürbar wird. Das ist kunstvoll und zugleich berührend erzählt.
Umso bedrückender sind die Schicksale ihrer Protagonisten: Jeder von ihnen an der Liebe gescheitert, und nun unfähig, anderen die dringend benötigte Liebe zu geben.
Der deutsche Titel "Kümmernisse", den Übersetzerin Karin Uttendörfer gewählt hat, trifft dies leider nur unzureichend. "Les Chagrins", so der französische Original-Titel, das sind tiefere Schmerzen, solche, die man sein Leben lang nicht mehr loswird. Denn Liebe mag zwar oft nur ein schöner Unfall sein. Aber meistens einer mit lang anhaltenden Folgen.

Judith Perrignon, aus dem Französischen von Karin Uttendörfer