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Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenDer in Niederösterreich geborene Schriftsteller Josef Haslinger findet seit seinem Roman "Opernball" von 1995 große Beachtung. Sein neues Buch, ein Sportroman und zugleich politischer Roman, basiert auf Tatsachen. Jáchymov war ein Arbeitslager im tschechischen Erzgebirge für politische Häftlinge, die Uran für die sowjetische Atomindustrie abbauen mussten. Annemarie Stoltenberg stellt das Buch vor.
Das möchte ich keinesfalls lesen, werden viele denken. Mir ging es auch so, aber nach ein paar Seiten war ich gefangen in dieser Geschichte. Es ist die Lebensgeschichte von Bohumil Modry, einem tschechischen Eishockey-Torwart und Star der tschechoslowakischen Nationalmannschaft in den Nachkriegsjahren.
Josef Haslinger hat Modrys Tochter kennen gelernt, als sie in einem seiner Theaterstücke spielte. Abends nach den Proben hat sie Haslinger die erschütternde Geschichte ihres Vaters erzählt.
1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt der Schriftsteller heute in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.
1995 erschien sein Roman "Opernball", 2000 "Das Vaterspiel", 2006 "Zugvögel". Sein letztes Buch, der Tatsachenbericht über den großen Tsunami auf " Phi Phi Island", erschien im Frühjahr 2007.
Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels und den Rheingau Literaturpreis. 2010 war er Mainzer Stadtschreiber.
Leseprobe:
Die Frage, wer wen denunziert hat, steht bei den Überlebenden der Eishockey-Nationalmannschaft von 1950 bis heute im Raum. Sie ist ein Teil ihres Lebens geworden, der sich nicht verabschieden lässt. Und wenn ich davon erzähle, dann sieht man, dass sie sogar an die nächste Generation weitergereicht wurde.
Bohumil Modry wurde in einer völlig aus der Luft gegriffenen Anklage wegen Hochverrat und Störung der sozialistischen Staatsordnung zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt und dann zur Zwangsarbeit in die Uranminen von Jáchymov geschickt, wo die Arbeiter schutzlos der radioaktiven Belastung ausgesetzt waren und eine geringe Lebenserwartung hatten. In seinem Roman erzählt Haslinger aus der Perspektive der Tochter, die den geliebten Vater vermisst und ihn als schwerstkranken Mann erst viele Jahre später wieder sieht.
Leseprobe:
Mein Vater, so schrieb sie, hat mich nie auf der Bühne gesehen. Als ich anfing zu tanzen, lag er schon danieder. Zur Mittagspause im Konservatorium, es waren eineinhalb Stunden, lief ich nach Hause, um ihm behilflich zu sein, er konnte ja selbst nichts mehr machen, oder ich streichelte nur die Hand.
Bohumil Modry war ein gefeierter Sportler, ein Idol der Jugend, aber kein Kommunist, sondern ein unabhängiger Geist. Er wurde von den Machthabern als Rädelsführer gebrandmarkt und bekam die Höchststrafe.
Josef Haslinger hat seine Lebensgeschichte und die Folgen, die das ihm angetane Unrecht für seine Familie hatte, mit Sorgfalt und Würde zu einem unglaublich dichten Roman gestaltet. Zwei Jahre haben allein seine Recherchen für das Buch gedauert. Er hat sogar eine Kur in einem Radiumheilbad gemacht, um alle Schauplätze kennen zu lernen.
Brillant sind die Passagen, die vom Eishockey handeln, atemberaubend die politischen Analysen der damaligen Zeit und tief berührend die Stimme der Tochter. Ein Zitat von Radka Denemarkova ist dem Buch voran gestellt.
Zitat:
"Sie haben sich von der Räudigkeit der Nazis anstecken lassen, ohne sich dessen bewusst zu sein ..." (Radka Denemarkova)
Das Erschreckende: Die gleichen Strukturen gibt es in jeder Diktatur auf der Welt nach wie vor. In diesem Sinne ist Josef Haslinger ein politischer Aufklärungsroman gelungen. Aber nicht zuletzt hat er ein Bündnis mit den Lesern geschlossen und eine spannende Geschichte erzählt.

Josef Haslinger