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Link in neuem Fenster öffnenVom Verfall einer Familie
Mit 57 Jahren legt Eugen Ruge seinen ersten Roman vor. Lange, sehr lange hat der Mathematiker und Theaterregisseur seine Geschichte mit sich herumgetragen, lange nach einer Form gesucht. Als sein Manuskript noch nicht fertig war, bekam Ruge dafür schon den Alfred-Döblin-Preis. Zwei Jahre später ist nun das Buch erschienen. Alexander Solloch hat "In Zeiten des abnehmenden Lichts" gelesen.
An einem Dienstag im September 2001 muss auch die Weltgeschichte schweigen. Sie erreicht nicht mehr die Sinne, nicht mehr die Gedanken des Alexander Umnitzer.
Während jenseits des Atlantiks nach Art eines Weltendramas Flugzeuge in Geschäftstürme rasen, schaut Alexander in den Spiegel und sieht dort nur noch: das Alltagsdrama Familie. Die Diagnose heißt: Krebs, nicht operabel. Die Mutter Irina, die melancholische Russin, mit der er vielleicht darüber hätte sprechen können, hat sich schon vor Jahren zu Tode gesoffen und nichts, so scheint es, ist mehr geblieben vom Vater Kurt, den die Demenz gerade verschluckt.
1954 in Soswa (Ural) geboren, studierte Ruge Mathematik an der Berliner Humboldt-Universität und wurde wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Physik.
Er arbeitete beim DEFA-Studio für Dokumentarfilm, bevor er 1988 aus der DDR in den Westen ging. Seit 1989 arbeitet er für Theater, Film und Rundfunk als Autor und Übersetzer.
2009 erhielt Eugen Ruge für sein erstes Prosamanuskript "In Zeiten des abnehmenden Lichts" den Alfred-Döblin-Preis. Am 10. Oktober hat er den Deutschen Buchpreis 2011 erhalten. Ruge lebt in Berlin.
Leseprobe:
Seltsam, wie winzig Kurts Schreibtisch war. An diesem Tischlein hatte Kurt sein Werk verfasst. Sieben Seiten täglich, das war seine Norm, aber es kam auch vor, dass er zum Mittagessen verkündete: Zwölf Seiten heute! Oder: Fünfzehn! Eine komplette Spalte seiner schwedischen Wand hatte er auf diese Weise zusammengehämmert, ein Meter mal drei Meter fünfzig, alles voll mit dem Zeug, 'einer der produktivsten Historiker der DDR', hatte es geheißen. Für diesen Meter hatte Irina gekocht und Wäsche gewaschen. Für diesen Meter hatte Kurt Orden und Auszeichnungen, aber auch Rüffel und einmal sogar eine Rüge von der Partei erhalten - und nun war alles, alles MAKULATUR.
Alexander steigt aus, lässt seinen hilflosen Vater zurück, vergreift sich an dessen Ersparnissen und fliegt nach Mexiko. Er fliegt in das Land, in dem seine Vorfahren einst schon Zuflucht fanden - damals, vor den Nazis - seine Großmutter Charlotte, eine Zweifelnde, die gern felsenfeste Kommunistin sein mochte, und ihr Mann Wilhelm, ein unerschütterlich überzeugter Kommunist. Hier nun sucht, 50 Jahre danach, Alexander, er weiß nicht wonach, aber er findet die Schellack-Melodie seiner Kindheit.
So betritt Alexander, Eugen Ruges Alter Ego, den Spiegelsaal der Erinnerungen. Mit unterschiedlich weiten Rückblenden arbeitet er die Geschichte seiner Familie auf, eine Geschichte, die vier Generationen umspannt und aus vielen Perspektiven zu betrachten ist.
Diese Erzähl-Methodik ist nicht neu, sie erinnert stark an Arno Geigers erfolgreichen Familienroman "Es geht uns gut", der 2005 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde, für den jetzt wiederum Eugen Ruge nominiert ist. Der Verfall einer Familie bleibt das große Thema der deutschen Literatur, Verfall und Verdunklung.
Leseprobe:
Sie hatte keine Ahnung, wie lange sie so gesessen hatte auf ihrem Bett. Sie weinte nicht mehr. Ihre Tränen waren getrocknet, und die feinen Salzkrusten, die sie zurückgelassen hatten, kitzelten in ihrem Gesicht. In Slawa wurden jetzt die Kartoffeln gemacht, die ersten Feuer rauchten schon, das Kartoffelkraut brannte, und wenn erst mal das Kartoffelkraut brannte, dann war sie gekommen, unwiderruflich: die Zeit des abnehmenden Lichts.
So wie das Licht weniger wird, so wie ein Staat morsch wird und schließlich zerbricht - so zerfällt auch der Familientreffpunkt, das Haus am Ende des Dorfs, und in tiefe Dunkelheit gehüllt ist die Erinnerung an die letzte große Familienfeier dort, in der alles Elend sich bündelt, die Feier zu Wilhelms 90. Geburtstag im Oktober ‘89.
Leseprobe:
Wilhelm öffnete kurz die Augen: Kurt, wer sonst! Defätist. Die ganze Familie. Das hätte er am liebsten gesagt. Und noch etwas hätte er gern gesagt: über damals und heute. Und über Verräter. Und was jetzt zu tun war, hätte er gern gesagt. Aber seine Zunge war zu schwer, und sein Kopf war zu alt, um aus dem, was er wusste, Worte zu machen. Nur noch Grummeln in seinem Kopf. Und aus dem Grummeln kam eine Melodie. Und aus der Melodie kamen - Worte. Er sang leise. Mit einem nicht beabsichtigten Tremolo in der Stimme.
Diese Erinnerungen brechen sich an den Wellen des Pazifiks, auf die versonnen Alexander schaut. Liegt es an der Familie, dass er sich nie geborgen gefühlt hat? Keine Antwort weiß das Meer, und keine Antwort weiß die Literatur, allenfalls diese, und sie hat Gewicht: solange wir erzählen können, gibt es Hoffnung] - und Eugen Ruge erzählt wie ein Besessener und findet, schließlich, das Glück im Kleinen. (...) Am Strand von Mazunte werden, wie Alexander erstaunt feststellt, die Schildkröten nicht mehr abgeschlachtet, sondern neuerdings geschützt.
Leseprobe:
Er beschloss, diesen Ort jenem kleinen Teil von Erfahrungen zuzuschlagen, die, im Gegensatz zu den vielen gegenteiligen, dafür sprechen, dass sich die Menschheit allmählich bessert.

Eugen Ruge