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Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenDie österreichische Autorin Milena Michiko Flašar hat eine starke Verbindungen nach Japan, der Heimat ihrer Mutter. Schon ihr zweiter Roman "Okaasan - Meine unbekannte Mutter" thematisierte japanische Kultur, ihr neues Buch "Ich nannte ihn Krawatte" greift Sehnsüchte der japanischen Gesellschaft auf. Jan Ehlert stellt es vor.
Milena Michiko Flašar erzählt von einem Jugendlichen, der zurück findet ins Leben.
Eines Tages beschließt Taguchi, nicht mehr zu sprechen, sich dem Erwachsenwerden zu verweigern. Denn die Zukunft, die die japanische Gesellschaft für ihn bereithält, erscheint ihm alles andere als lebenswert.
Leseprobe:
Ich meine, groß zu werden, bedeutet einen Verlust. Man glaubt zu gewinnen. In Wahrheit verliert man sich. Mit dreizehn war es zu spät gewesen. Mit vierzehn. Mit fünfzehn. Die Pubertät ein Kampf, an dessen Ende ich mich verloren hatte. (...) Ich wollte kein Vater sein, der seinem Sohn sagt: Man muss funktionieren. Vaters Stimme. Mechanisch. Er funktionierte. Wenn ich ihn ansah, sah ich eine Zukunft, in der ich langsam, zu langsam ums Leben kommen würde.
Taguchi ist ein Hikikomori - so heißen in der japanischen Gesellschaft Jugendliche, die sich aus zu viel Leistungsdruck und Versagensangst im Haus ihrer Eltern einschließen und es oft jahrelang nicht mehr verlassen. Mehr als 100.000 solcher Hikikomori gibt es vorsichtigen Schätzungen zufolge. Andere gehen von mehr als einer Million aus. Ein sensibles Thema, dem sich Milena Michiko Flasar auf einfühlsame und sehr poetische Art nähert: "Ich nannte ihn Krawatte" ist ein Sterbegedicht.
Es erzählt von den Momenten, in denen Taguchis Unschuld stirbt - durch die Selbstmorde zweier Kindheitsfreunde -, aber auch vom Sterben des Hikikomori. Denn als Taguchi im Park einen völlig fremden Menschen trifft, beginnt er, sich ihm anzuvertrauen und so langsam ins Leben zurückzukehren.
Leseprobe:
Ich war aus meiner Unbemerktheit gefallen, aus meinem Gehäuse. Aber das stimmt so nicht. Sein Blick und die Anerkennung, die mir daraus entgegen geleuchtet war, hatten lediglich den Raum um mich herum ein wenig gelichtet. Morgens nickte er mir zu. Ich nickte zurück. Abends hob er die Hand, wenn er ging. Ich hob die meine. Ein stummes Einverständnis. Du bist da. Ich bin da. Wir haben beide das Recht, einfach nur da zu sein.
Keine Verpflichtungen, keine Erwartungen - auch für Ohara Tetsu, den fremden Mann, ist dies eine Erleichterung. Auch er ist an der Gesellschaft gescheitert, hat seinen Job verloren und traut sich nicht, seiner Frau Kyoko davon zu erzählen. So entwickelt sich zwischen ihm und Taguchi ein intensives Gespräch über Liebe, Freundschaft und die Unfähigkeit, die Dinge einfach so hinzunehmen, wie sie sind.
113 Kapitel beziehungsweise Strophen hat diese zarte, zerbrechliche Geschichte voller wunderschöner Bilder. Bei allem Schmerz der traurigen Erinnerungen zeigt uns Milena Michiko Flašar darin die Schönheiten dieses Lebens, die in den modernen Gesellschaften mehr und mehr in Vergessenheit geraten - und kreiert so eine zutiefst menschliche, wünschenswerte Welt, in der es auch für die Hikikomori wieder einen Sinn ergibt, das Leben leben zu wollen.

Milena Michiko Flašar