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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Englischen von Melanie Walz
Es ist einer der Lieblingsromane für zahllose große Schriftsteller und gehört zu den Werken, die seinen Ruhm bis heute begründet haben: "Große Erwartungen" von Charles Dickens. Am 7. Februar in diesem Jahr ist nun der 200. Geburtstag von Dickens. Aus dem Anlass ist vieles neu erschienen: zum Bespiel jener Roman "Große Erwartungen" in einer Neuübersetzung von Melanie Walz im Hanser Verlag. Annemarie Stoltenberg hat sich mit der Ausgabe beschäftigt:
Charles Dickens Roman "Große Erwartungen" (Buchcover)
Es ist ein ausgesprochen luxuriöser Band geworden, diese "großen Erwartungen". Das einzige, was fehlt: Schön wäre ein zweites Lesebändchen, denn die Anmerkungen im Anhang sind so außergewöhnlich gut und hilfreich, dass es schade ist, wenn man nicht ein Bändchen hinten und eines vorne im Text an der richtigen Stelle einlegen kann. Überhaupt dieser Anhang. Auf 137 Seiten findet man praktisch einen Überblick zum Stand der Dickens Forschung, vorzügliche Anmerkungen, eine durchaus kritische Kurzbiographie, die Rezeptions- und Editionsgeschichte und bekommt Einblick in knifflige Fragen der Übersetzung.
Wie erhält man im Deutschen den Tonfall der Dialekte aus dem Original? Im späteren 19. Jahrhundert war es in Deutschland üblich, Mundarten mit dem sächsischen Idiom wieder zu geben und Berliner Schnauze galt als ideale Entsprechung für Umgangssprachliches. Wie lässt man einen jüdischen Bürger, der im Original nur lispelt, im Deutschen sprechen? Melanie Walz hat sich in ihrer Übersetzung für das Jiddische entschieden, aber gegen Dialekteinfärbungen. Ihre frische Übersetzungsleistung kommt dem Werk zu Gute. Sie hat die alten Übertragungen gesichtet und ein wenig den Staub weggepustet.
Pip wächst im öden nebligen Marschland auf, über das es heißt, der Dunst liege so vor den Fenstern, als habe ein Kobold dort die ganze Nacht geweint. Eine arme Gegend. Der Junge wurde von seiner fast zwanzig Jahre älteren Schwester „von Hand aufgezogen“. Das wird im Nachwort sehr schön erklärt, da er als mutterloser Säugling zurück blieb, musste ihn die Schwester mit der Flasche – im Englischen by hand – füttern, Ammen gab es nur für die Kinder der Wohlhabenden. Er wird also in sehr schwierigen Verhältnissen groß, wird vom Schwager zum Schmied ausgebildet, lernt später die Macht des Geldes kennen und verliebt sich in die grausame Estella. Unterdessen ergeben sich zahlreiche Irrungen und Wirrungen, Intrigen, Ehrgeiz, Schuld, Flucht und Not.
Ursprünglich verfasste Dickens den Roman als Fortsetzungsgeschichte für ein Magazin, um dessen miserable Verkaufszahlen zu steigern. Es gab zwei verschiedene Versionen für den Schluss. In einer Fassung finden Pip und Estella, die dann bereits Witwe ist, doch noch zusammen; in der ersten Fassung gab es kein Happy End für die beiden. Die neue Ausgabe der "Großen Erwartungen" liefert beide Varianten. Bei der Lektüre des Romans wird klar, wie viele Stoffe später noch daraus gemacht worden sind. Er hat als Folie offenkundig auch für viele nachfolgende Hollywoodfilme gedient.

Charles Dickens, aus dem Englischen von Melanie Walz