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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Krimifans kennen den spanischen Schriftsteller Antonio Muñoz Molina schon lange. Seine Romane sind berühmt durch ihre höchst raffinierten Bezüge zur jüngsten spanischen Geschichte und beeindruckenden Charakterstudien. Mit seinem neuen Roman "Die Nacht der Erinnerungen" liefert Muñoz Molina ein Meisterwerk über Liebe und Verrat, Heimat und Exil während des Spanischen Bürgerkriegs 1936. Annemarie Stoltenberg stellt das Buch vor.
Es ist für mich das beste Buch in diesem Herbst. Es ist mit einem unglaublichen Furor erzählt. Man möchte unentwegt jemanden neben sich haben während der Lektüre, dem man immer wieder Passagen vorlesen kann, um gemeinsam zu jubeln über diese Sprache, die messerscharfen Formulierungen, die Wahrhaftigkeit und Genauigkeit in der Diktion, die Leidenschaft und den großen humanitären Geist, der hier wider die Zeit leuchtet.
Das Buch könnte genauso heute irgendwo auf der Welt spielen wie damals während des Spanischen Bürgerkriegs, die Bilder ähneln aktuellen Fernsehbildern aus Bürgerkriegsregionen.
Leseprobe:
Und nun dieses Wüten in Spanien, diese Rohheit, Verbrechen aus Leidenschaft und in Blut getränkte anarchistische Aufstände, plumpe Kasernenparolen; all diese Heiligen, Märtyrer, Fanatiker, wie auf den Bildern im Prado, auf denen die malträtierte Haut der Asketen so kratzt und schmerzt wie das Sackleinen, mit dem sie bekleidet sind, ihre Augen fanatisiert von einer Reinheitsvision, die mit der realen Welt unvereinbar ist. Die Heiserkeit in wund geschrienen Kehlen von all den "Hoch die ..." und "Tod den ...", diese aggressive Vulgarität, die sich der Stadt bemächtigt hat."
Der Schriftsteller wurde 1956 im andalusischen Úbeda geboren. Er studierte Journalismus in Madrid sowie Kunstgeschichte in Granada.
Sein belletristisches Werk ist vielfach ausgezeichnet. 1988 und 1992 erhielt er den spanischen Staatspreis für Literatur. 1995 wurde er in die Königlich Spanische Akademie für Sprache und Dichtung aufgenommen.
Muñoz Molina lebt derzeit in Madrid und New York City, wo er bis 2006 das Instituto Cervantes leitete.
Mitten in den Bürgerkriegswirren durchleidet der Architekt Ignacio Abel synchron zu den politischen Ereignissen seine persönliche Tragödie. Er hat sich in die junge, schöne Amerikanerin Judith Biely verliebt, absolut rettungslos. Seine Frau erfährt von der Geschichte und versucht, sich das Leben zu nehmen. Judith, die sich zwar auch nicht wehren konnte gegen allzu viel Gefühl, die sich aber unendlich schämt, verlässt ihren Geliebten. Es ist, als ob beiden das Herz stehen bleibt im Niemandsland, im Raum zwischen zwei Menschen, die sich nicht mehr sehen dürfen.
Zwischendurch taucht immer wieder ein deutscher Professor auf, bei dem Abel in Dessau studiert hat. Auf der Flucht vor den Nazis ist er ausgerechnet nach Spanien ins Exil gegangen. Abel ist unfähig, ihm wirklich zu helfen, denn ...
Leseprobe:
... allzu sichtbare Not ruft Widerwillen hervor, je heftiger eine Bitte vorgetragen wird, um so sicherer wird sie unbeantwortet bleiben.
Dabei hat Professor Rossmann nie wirklich um etwas gebeten, aber seine Bescheidenheit, seine immer deutlichere Armut und Verzweiflung wirken wie eine Anklage. Rossmann ist eine von vielen Figuren in Muñoz Molinas Roman, die so beschrieben werden, dass man sie zu kennen meint und nie vergessen wird.
Der Architekt Ignacio Abel flüchtet aus Madrid und begibt sich auf die Suche nach der verschollenen Geliebten. Einige seiner Erlebnisse sind alptraumhaft düster und gewalttätig.
Leseprobe:
Er trat auf die Straße, und es hatte sich ein wenig abgekühlt. In den auseinander gezogenen Detonationen der Geschütze lag etwas Lustloses, so als könnte jede von ihnen die letzte sein.
Die Ereignisse werden übereinander geblendet, zwischen tiefer Melancholie und blankem Entsetzen. Ein Pendel geht in die Zukunft, und eines schlägt immer wieder zurück. Wie sich tektonische Erdplatten verschieben, so gerät die Welt durcheinander.
Antonio Muñoz Molina ist ein phänomenaler Roman gelungen, den man nicht auslesen kann und bei dem man immer wieder staunt über diese Erzählkraft.

Antonio Muñoz Molina, aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen