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Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenAus dem Englischen von Bernhard Robben
In seiner Heimat hat der Brite Howard Jacobson schon elf Romane veröffentlicht. Sein letztes Werk "Die Finkler-Frage" ist zugleich das erste auf Deutsch erschienene. Vielleicht ist es für uns der Anfang einer Entdeckungsreise in das Werk von Jacobson. Annemarie Stoltenberg hat seinen ebenso witzigen wie tieftraurigen, klugen Roman gelesen.
Finkler - das ist in Julian Tresloves Privatsprache der Codename für Juden. Sein Freund Samuel Finkler ist für ihn der Inbegriff des Jüdischseins. Und es geht in Howard Jacobsons Roman um sämtliche Facetten jüdischen Lebens, die man sich vorstellen kann.
Vom Konflikt im Nahen Osten, der Frage nach der richtigen Haltung zu Palästina bis zur Frage der Beschneidung jüdischer Knaben. Ein Roman also, in dem kaum etwas passiert, sondern auf über 400 Seiten debattiert, diskutiert, gelitten, getrauert und gestritten wird, in Wortgefechten mit brillant formulierten Zweifeln, skurrilem Humor und messerscharfem Verstand.
Was hier hin und her gewendet, gefeuert und befeuert wird, heißt zusammengefasst:
Dieser Abend rief nicht nur ein lang vergangenes Ereignis in Erinnerung, sondern das kollektive Wissen eines ganzen Volkes. Seines Volkes. (Buchzitat)
Drei Männer sind miteinander befreundet. Julian Treslove, die Hauptfigur, war einmal bei der BBC beschäftigt, ist jedoch gescheitert, seine Beziehungen sind zerbrochen, er hat zwei uneheliche Söhne, die sich zufällig bei ihm kennenlernen und überraschend gut miteinander auskommen.
Treslove verdient sein karges Einkommen, in dem er als Prominentendouble auftritt. Er gehört also nirgendwo richtig dazu. Samuel Finkler moderiert eine hoch erfolgreiche Philosophiesendung im Fernsehen. Libor Sevcik schließlich ist Verfasser von Büchern, ein älterer Herr, verwitwet, sein Hauptlebensinhalt ist die Trauer um seine über alles geliebte Frau.
Über ihn heißt es einmal:
Libors Verstand begann zu muffeln. Die Feststellung kam von ihm selbst. (Buchzitat)
Sein Freund Julian Treslove wird nachts auf der Straße überfallen und ist sich sicher, dass er, von einer Frau, nicht nur ausgeraubt, sondern auch als Jude beschimpft wurde. Er, der bisher keine wirkliche Identität besessen hat, versucht daraufhin tatsächlich jüdische Wurzeln in sich zu entdecken. Er bittet um Aufnahme in die jüdische Gemeinde und geht eine Liebesbeziehung mit einer Jüdin ein, die gerade ein Museum für jüdisches Leben aufbaut.
Julian setzt sich mit Übereifer an die Aufgabe, ein Jude zu sein. Natürlich muss er sich auch mit dem Thema Beschneidung beschäftigen. Es gruselt ihn. Bedeutet es Gefühlsverlust?
Leseprobe:
... versuchen Männer, sich wiederzubeschaffen, was ihnen, die damals noch zu jung waren, um mitreden zu können, unter Verletzung ihrer Menschenrechte genommen wurde? Ein Empfinden der Unvollständigkeit treibt sie an, ein Wissen darum, etwas so Verkrüppelndes wie eine Amputation erlitten zu haben.
Die Diskussion darüber geht über lange Passagen. "Hab Erbarmen", fleht Treslove schließlich und es endet in der Feststellung seines jüdischen Freundes.
Leseprobe:
Julian, du bist ein Antisemit." "Ich?" "Tu nicht so erstaunt. Du bist nicht allein. Wir sind alle Antisemiten. Wir haben gar keine Wahl. Du, ich, wir alle.
Howard Jacobsons Roman endet für Leser nicht mit einer angenehmen Leseeuphorie, von Besonderheit, Würde und Liebe getragen. Es endet in der Gewissheit, dass die Konfliktpakete von Generation zu Generation schwerer werden und unlösbarer - von hier bis in die Ewigkeit nicht mehr zu tragen. Und das geht von den großen Fragen des Daseins bis zu den scheinbar ganz kleinen.
Ein großartiger Text. Überwältigend wahrhaftig und verkopft bis zur Engherzigkeit.

Howard Jacobson, aus dem Englischen von Bernhard Robben