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Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenNavid Kermani ein gern gesehener Gast in Diskussionsrunden über den Islam, über Kultur und Gegenkultur, Anpassung und Abgrenzung. Im letzten Jahr hat der Auror mit iranischen Wurzeln die Frankfurter Poetik Vorlesungen gehalten, die nun auch in sein neues Buch "Dein Name" geflossen sind. Einen Roman "über alles" nennt es der Verlag. Annemarie Stoltenberg hat ihn gelesen.
1.228 Seiten. Ohne Kapitelaufteilung. Fast ohne Absätze, denn - so heißt es im Schluss-Satz:
Die Setzerin erinnert daran, dass jeder Absatzwechsel umgerechnet sechzig Anschläge kostet.
Auf die mochte der Autor offenbar als Platz für seine Wörter nicht verzichten. Die Frage ist, ob wir Leser weniger Text, lesefreundlicher aufbereitet, bevorzugt hätten. Aber hier handelt es sich um Hochkultur, kein Wunschkonzert. Wer sagt, er wolle sich beim Lesen vergnügen, macht sich verdächtig.
Navid Kermanis Roman handelt vom Alltag, es ist ein Textkonvolut, in das alles hineinfließt, ohne erkennbares Muster, ohne leicht erkennbare Struktur. Er berichtet von Sorgen, notiert Gedanken und Reflektionen über Literatur, Bildungsgüter, mit denen der Autor sich gerade beschäftigt. Er beschreibt Erfahrungen seiner zerbrechenden Ehe, das Schreiben, die Geburt der Tochter, Krankheit oder die fehlende sexuelle Aufklärung in der Jugend der iranischen Großmutter.
Es geht in langen Passagen um einen west-östlichen Dialog, um seine iranischen Wurzeln und vor allem und immer wieder um das Bewahren. Etliche, übrigens zum Teil sehr schöne, liebevolle Nachrufe, voller Würde und Trauer sind in den Text eingearbeitet, der dann wieder streckenweise wie die Arbeit eines "Literaturmessies" wirkt. Navid Kermani erklärt das im Buch.
Leseprobe:
Die Literatur kennt keine Abfälle, (...) sieht in allem ein Zeichen. Als begeisterter Leser mag man das leicht glauben. Aber wenn man sich einen Roman vor Augen hält, der alles auf Erden erzählte, würde man nach einigen Seiten zuklappen oder sich vorher bereits den Rücken verheben.
Von Problemen mit dem Rücken, das ewige Leiden der Schreibtischarbeiter ist ebenfalls ausführlich die Rede. Navid Kermanis Roman ist natürlich, wie heute üblich, an einem Laptop entstanden, davon ist gelegentlich die Rede. Schwer vorstellbar, dass er so geschrieben worden wäre, wenn der Autor Blatt für Blatt ein Papier in die Schreibmaschine gespannt hätte und den Text getippt, um dann wie früher mit Tippex, Schere und Klebstoff mit dem Produkt zu kämpfen.
Diese neue Art zu schreiben mit unglaublichen Textmengen, die in den Computer fließen und auf Knopfdruck in jeder beliebigen Sortierung ausgedruckt, verworfen, verschoben und wieder ausgedruckt werden können, wird vielleicht auch in Zukunft die Literatur verändern - spontaner, direkter.
Navid Kermanis: "Man kann schon schreiben, wenn man glücklich ist. Aber man muss es nicht."
Wie liest man einen Text, der derart zufällig wirkt? - Vielleicht als E-Book. Lesend kann man Passagen vergrößern, markieren, Lesezeichen machen. Vor und zurück scrollen auf Fingerdruck. Oder ein Suchwort eingeben. Etwa: "Geburt der Tochter".
Leseprobe:
Die Geburt des eigenen Kindes ist das Glück schlechthin, dem Leben genügt und gleichzeitig einen Streich gespielt zu haben. Es ist das einzige Werk, das gegen die Kunst besteht, das einzige, das ebenfalls bleibt, nein, prinzipiell länger, sich immer weiter fortsetzt, bis zum Ende der Menschheit, was keine Kunst schafft. Jeder Mensch kann ein erster Mensch sein.
Ich weiß nicht, ob diese Form des Schreibens bleiben wird. Es bleibt bei aller Bewunderung für geglückte Passagen das dumpfe Gefühl, es sei zu viel Lektürezeit gewesen. Auch wenn das alles neu ist. Mit der Machete durch ein bisher nicht erschlossenes Gelände. Für Leser, die eine traditionell erzählte Geschichte lesen möchten, ist es eine Zumutung.

Navid Kermani