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Link in neuem Fenster öffnenVorgestellt von Andrea Gerk
Schon mit seinem Debütroman "Wäldchestag" hat der 1967 in Bad Nauheim geborene Andreas Maier die Literaturszene begeistert. Seitdem waren all seine Bücher viel beachtet. Für sein jüngstes Werk "Das Zimmer" erhält er am Sonntag den Wilhelm Raabe-Preis der Stadt Braunschweig. Die Geschichte ist der Beginn einer groß angelegten Familien-Saga in den 60er-Jahren.
Einen Heimatroman könnte man Andreas Maiers Roman "Das Zimmer" durchaus nennen, in dem Sinne wie auch sein großes Vorbild Thomas Bernhard sich an der zweifelhaften 'Heimat' abgearbeitet hat, oder so wie Peter Kurzeck oder Arnold Stadler ihre Herkunft nicht loswerden.
Diesmal erzählt Maier von seinem Onkel J., den er seit 2005 schon in zahlreichen Kolumnen in der österreichischen Literaturzeitschrift 'Volltext' vorgestellt hat. Im Roman steht nun der Onkel, der durch einen falschen Griff der Geburtszange etwas anders ist als andere, im Zentrum einer Familiengeschichte. Erzählt wird eigentlich nur ein Tag im Leben des Onkels - zwei Jahre vor der ersten bemannten Mondlandung, also 1967. Und doch entwirft Andreas Maier mit diesem kleinen Ausschnitt ein komplexes Bild der 60er-Jahre, für deren unbedingten Fortschrittsglauben der Bau einer Ortsumgehung steht.
Andreas Maier: "Die Ortsumgehung ist eigentlich ein schönes Bild. Wenn ich davon spreche, dass meine Heimat zubetoniert wird, meine ich immer etwas, was Heimat stark transzendiert, was man aber daran anschaulich machen kann. Was immer schon mein Lebens- und Schreibthema war, ist das zivilisatorische Tun der Menschen um mich herum."
Die Ortsumgehung um Friedberg und Bad Nauheim wird zur Chiffre für den Untergang einer Welt, die von den Trinkgewohnheiten übers allgegenwärtige Rauchen bis hin zum Dialekt längst verpönt oder sowieso verschwunden ist.
Leseprobe:
"Früher trank dieses Land. Heute würde jeder Müllmann sofort entlassen, wenn er um neun Uhr schon drei Liter Bier intus hätte. Wenn heute im Fernsehen die Firma Hesselbach aus der Zeit meines Onkels läuft, dann trinken da auch alle Bier, wann immer sie wollen, ab frühmorgens. Und die Menschen waren rot und glücklich, und es war ihr Leben, und manchmal starben sie sogar noch zu Hause."
Mittendrin fährt Onkel J. mit seinem geliebten "nazibraunen VW Variant" in seine Lieblingswirtschaft oder muss - zu seinem Verdruss - die Familie herumkutschieren. Obwohl der Erzähler vom Onkel und seinem widerlichen Körpergeruch zunächst abgestoßen ist, findet eine innere Annäherung statt: als lebender Gegenentwurf steht das Schwarze Schaf der Familie (wozu auf seine Weise später auch der erzählende Schriftsteller wird) stets "mit einem Fuß im Paradies".
Leseprobe:
"Vielleicht sagt mein Onkel etwas in der Sprache des Rotkehlchens. Nicht dass er die Sprache gelernt hätte, er kann sie einfach so. (...) Kein Vogel kann einsamer klingen als das Rotkehlchen. Mein Onkel sagt sich das nicht, nicht in Worten, aber nimmt es wahr. Er denkt, genau gesagt, überhaupt nicht über das Rotkehlchen nach, nur ich muss es jetzt tun, um dem Onkel eine Sprache zu geben, damit auch ich ihn verstehe, denn sonst wäre er gar nicht da und einfach tot und vergessen bis auf seinen Grabstein und die beiden Zahlen darauf."
Andreas Maiers Denkmal für das Schwarze Schaf der Familie ist ein bewegender Text, voller skurriler Einfälle und mit einem sprachlichen Furor, den kein anderer Autor so beherrscht. Bleibt nur zu hoffen, dass die Fortsetzung dieser traurig schönen Familiensaga so bald wie möglich folgt.

Maier, Andreas