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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Isländischen von Anika Lüders
Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist Island. Ein dort besonders anerkannter Autor ist Guðmundur Óskarsson. 2008 arbeitete er für die Landesbank von Island und führte während der Finanzkrise Tagebuch. Daraus entstand sein Roman "Bankster", der bereits mit dem Isländischen Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Annemarie Stoltenberg stellt das Buch vor.
In einer Szene erklärt sich der Titel des Buches. Der Romanheld Markus hört in einer Kneipe, wie am Nebentisch geschimpft wird.
Leseprobe:
"... habt ihr schon das Neueste gehört, Jungs? Ich habe es diese Woche gehört, und es ist teuflisch gut, gut und wahr. Ihr kennt sicher das Wort Gangster, oder, dieses gute alte? Aber habt ihr auch schon mal was vom Bankster gehört? Nein? Ja, das bedeutet natürlich genau dasselbe. Teuflisch gut! Dieser ganze maßlose Irrsinn, Jungs ..."
Markus war bis vor kurzem Banker, die Arbeit bei der Bank hat sein Dasein definiert und irgendwie sinnvoll erscheinen lassen. Nun fühlt er sich beleidigt und zettelt eine Prügelei an, die zu einem kleinen, privaten Himmelfahrtskommando ausufert.
Der Roman "Bankster" ist vom Verlag angekündigt als Schlüsselroman über die isländische Finanzkrise. Das ist ein wenig irreführend, denn dieser real existierende politische Hintergrund ist genau das, was die Leser bei der Lektüre selbst auffüllen müssen. Die Fakten rund um das Finanzdesaster Islands werden nicht noch einmal aufgelistet.
Erzählt wird die Geschichte konsequent aus der Perspektive von Markus und wie es ihm persönlich in dieser Zeit geht, seitdem er und seine Lebensgefährtin Harpa arbeitslos sind und jedes Pläneschmieden auf vermintes Gelände führt.
Leseprobe:
Dieser spekulative Schuss in die Zukunft verfehlt immer das Ziel, führt immer zu hoffnungslosen Ergebnissen - aber trotzdem ist es, als würde ich das alles nicht glauben, nicht glauben, dass alles auf dem Weg zum Teufel ist. Entweder bin ich wahnsinnig optimistisch - ohne zu verstehen warum -, oder ich lasse die Realität nicht an mich heran.
Einen Text, der so unsentimental, ohne Selbstmitleid oder sozialkritische Anklage beschreibt, was es bedeutet, auf die gewohnte Selbstbestätigung durch Arbeit zu verzichten, habe ich bisher noch nirgendwo so gelesen.
Óskarssons Held ist starr vor Schreck. Er reagiert mit einer Art Seelenlähmung. Nicht einmal die Meldung beim Arbeitsamt will ihm glücken. Er versucht die neuen Tage so ganz ohne Aufgaben halbherzig herum zu bringen. Seine Geliebte Harpa hat zuerst noch einen Job als Aushilfslehrerin, aber als sie ihn bald wieder verliert, traut sie sich wochenlang nicht einmal, ihrem Geliebten zu sagen, dass sie auch keine Arbeit mehr hat.
Es ist nicht so, dass die beiden Hunger leiden müssen, sie haben noch finanzielle Reserven und Dinge, die man verkaufen kann, aber sie haben erstaunlicherweise keine einzige innere Reserve, um mit dieser schweren Ich-Kränkung durch Arbeitplatzverlust umzugehen.
Sie haben sich in ihrer Familie, in ihrem Freundeskreis über die erfolgreiche Arbeit bei der Bank definiert und auf großem Fuß gelebt. Und nun sind sie wie Kinder, die manchmal, wenn sie sich sehr erschrocken haben und vor Angst bewegungslos bleiben, ganz leise mit zittriger Stimme summen, pfeifen, sich hin und her wiegen. So kommen einem die beiden erwachsenen Menschenkinder vor.
Guðmundur Óskarsson beschreibt das gelassen, mit verschmitztem, schmunzelndem Humor, aber umso wirkungsvoller. Das Paar zerbricht an der Situation, weil beide nicht gewohnt sind, auch in einer Krise miteinander auszukommen. Aber vielleicht werden sie sich doch noch wieder finden?
Guðmundur Óskarsson ist eine melancholische Liebesgeschichte geglückt, die ganz in unserer Zeit angesiedelt ist. Liebesentwürfe muss sich jede Epoche, jede Generation unter wechselnden Bedingungen von den Dichtern neu buchstabieren lassen.

Guðmundur Óskarsson, aus dem Isländischen von Anika Lüders