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Link in neuem Fenster öffnenAus dem Englischen von Anne Rademacher
Die Financial Times verglich Gerard Woodward mit Alan Bennett, dem wir "Die souveräne Leserin" zu verdanken haben. Es ist ein ähnlich widerstandsfähiger, fast grimmiger Humor und eine skurrile Doppelbödigkeit in seinen Texten. Nun ist zum ersten Mal ein Roman des 1961 in London geborenen Gerard Woodward auf Deutsch erschienen. Die Geschichte spielt während der Kriegsjahre in London.
Auf dem Umschlag steht eine Dame, die resolut eine Hand mit einer Gabel darin in die Hüfte stemmt. Sie trägt eines der unverwüstlichen Vorkriegskostüme, hochgeschlossen. Aber schon Alfred Hitchcock wusste, dass man sich von wohlerzogenen Ladies nicht täuschen lassen sollte.
Tory ist eine der vielen Frauen, die kämpfen muss, um während des Zweiten Weltkriegs allein über die Runden zu kommen. Ihre Kinder sind evakuiert, aber ihre Mutter ist mit in ihr Reihenhäuschen gezogen. Sie will der Tochter zur Seite stehen, was nicht auf reine Gegenliebe stößt. Da kommt Post aus Deutschland, aus einem Kriegsgefangenenlager. Donald, der bislang als vermisst gemeldete Ehemann, schreibt und bittet seine Frau um "schmutzige Briefe", die ihm seelisch über die Runden helfen würden. Tory ist empört und antwortet entsprechend. Aber Donald lässt nicht locker, und schließlich gibt sie nach.
Leseprobe:
Tory schlug in einem medizinischen Lexikon nach, das zu der kleinen Büchersammlung des Hauses gehörte und war eigentlich nicht überrascht, dass das Thema Geschlechtsverkehr ganz ausgelassen worden war und es nur ein denkbar kurzes Kapitel über die menschliche Fortpflanzung gab, das sich auf Schwangerschaft konzentrierte und die Empfängnis ignorierte.
Torys Verhältnis bleibt nicht ohne Folgen.
Die Frage, wie man das schreibt, was Torys Mutter schlicht als "Schweinkram" bezeichnet, kann Tory erst beantworten, nachdem sie sozusagen eine Ganzkörperrecherche eingeht. Kurz: Sie hat eine Affäre mit dem Besitzer der Fabrik, in der sie arbeitet, und schon sprudeln die Wörter.
Leseprobe:
Er bekam, worum er gebeten hatte. Mehr, als er erbeten hatte. Mehr, als er erwartet hatte. Tory hatte eine Frühjahrsoffensive aus Sexschilderungen begonnen; sie feuerte ihm ihre Munition aus Verbalerotik mitten ins Gesicht, und die schmutzigen Worte fielen wie Bomben auf die kleine Baracke im tiefen deutschen Wald. Ihre Briefe schrieb sie in einer Art erotisch-literarischem Rausch.
Als Donald endlich wieder nach Hause kommt, hat Tory inzwischen einen kleinen Sohn bekommen, von dem sie behauptet, sie habe ihn zwischen Trümmern gefunden. Und es wird sich herausstellen, dass Donald die Briefe im Gefangenenlager gar nicht für sich selbst wollte, sondern für kleine Vorteile unter Mithäftlingen vermarktet hat. Tory ist moralisch empört, und Donald, der sich als versehrter Kriegsheimkehrer nicht gerade vorbildlich benimmt, wird von ihr "ausgehungert".
Gerard Woodward erzählt, was der Krieg aus den Menschen macht und in welcher Weise erlittene Grausamkeiten - bei aller Skurrilität der Beschreibungen - schlicht die Seelen verwüsten. Aber der Autor gibt auch denen, die sie überlebt haben, ihre Würde zurück in seinem großartigen, sehr britischen Roman. Wir brauchen solche Texte für europäische Gespräche, weil in jeder einzelnen Familie Erinnerungen weitergereicht werden an den von Deutschen angezettelten, grauenvollen Krieg, über die gesprochen werden muss, um Völkerfreundschaft zu bewahren oder zu entwickeln.

Gerard Woodward, Aus dem Englischen von Anne Rademacher