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Link in neuem Fenster öffnenIst am Ende nicht alles, was wir Alltag nennen, was wir Beruf nennen, was wir Beziehung nennen - ist es nicht alles Zirkus? Um diese Frage geht es im neuen Roman von Lars Brandt, mit dem er, nach jahrzehntelanger Arbeit als Künstler, nun sein drittes Buch vorlegt. Alexander Solloch hat "Alles Zirkus" gelesen.
Im Roman "Alles Zirkus" hat es der Held Walter satt, in jeder Lebenslage den Clown zu spielen.
Ein älterer Herr, schlank, aber unsportlich, mit einem kleinen Blutfleck auf der Wange vom übermäßigen Rasieren, steht an einer Ampel und denkt nach. Vor ihm, glaubt er, türmen sich die bunten Bausteine einer ungeordneten Welt, in der er, wie es scheint, den Clown gibt.
Leseprobe:
Wie ist so ein Clown überhaupt ausgestattet, wenn er auch nur den geringsten Anspruch darauf geltend machen darf, ernst genommen zu werden? Und das bedeutet wohl: lächerlich sein in Perfektion. Auf so etwas kommt man, wenn man den ganzen Tag mit Zahlen jongliert, nimmt er an und drückt den Knopf an der Fußgängerampel länger als sonst, auch wenn er weiß, dass es nichts nutzt, aber der Strom von Fahrzeugen aller Art will einfach nicht abreißen. Walter Tomm findet sich durchaus nicht zum Lachen.
Wenn die Welt daraus besteht, dass alle bloß starren, aber Einer - zum flüchtigen, bald auch lästigen Vergnügen der Anderen - wie wild mit den Armen rudert und die immer gleiche Vorstellung gibt - dann ist das wohl alles Zirkus, so denkt Walter. Und er ist der Clown.
In dieser Welt der Wirtschafts-, Währungs- und Werte-Krise, in die Lars Brandt seine Figuren hineinsetzt, ist der Werbefachmann Walter anscheinend der einzige, der den sicher kommenden Zusammenbruch nahen sieht. Alles nur Kraftvergeudung, meint seine Frau Trixi, eine erfolglose Dokumentarfilmerin, wenn Walter mal wieder Galle spuckt.
Leseprobe:
"Dieses Leben ist eine einzige Zumutung, ohne Freude, immer nur arbeiten, Tanz ums Goldene Kalb, das längst zum Gerippe aus Bimsstein abgemagert ist, du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr mir das alles hier zum Hals heraushängt", flüstert er, und da sie nur schweigt, setzt er nach: "Druck und Hetzjagd nach Erfolg, bis weit über die Grenze des Erträglichen. Aber du verfügst ja Gott sei Dank über genug pompöses Gerede zwischen zwei Buchdeckeln, an dem du dich erfreuen kannst." Walter ist noch nicht am Ziel: "Die Lage, in der ich bin - in der die Welt ist! -, verlangt mir alles ab", haucht er scharf, "alles, mehr als zu ertragen ist."
Walter klagt, Trixi überhört. Sie haben das gut einstudiert, vorläufig fehlt es ihnen an Nichts; aber das Eis ist dünn, auf dem Lars Brandts Figuren wandeln.
"Alles Zirkus" ist der dritte Roman von Lars Brandt.
Lars Brandt: "Diese beiden Hauptfiguren in dem Roman sind in sich unterschiedliche Figuren, aber auch in ihrer Liebe gibt es widersprüchliche Elemente, ich glaube, in dem Fall ist das schon so, dass sich das anzieht. Nur wenn das Vertrauen angekratzt wird, dann kann es schwierig werden. Und dann entwickeln Widersprüche vielleicht eine zerstörerische Potenz, die sie nicht zwangsläufig haben müssen."
Lars Brandts Roman zeigt mit scharfen Schnitten, wie eine Krise entsteht. Es sind diese kleinen, doch eigentlich ganz banalen Verschwiegenheiten und Ungereimtheiten, die eine scheinbar feste Liebe aus der Verankerung reißen können. Dass Walter sich von einem blöden Werbebrief dazu verleiten lässt, mal im "Institut für Diskrete Mathematik" vorbeizuschauen, ohne seiner Frau davon zu erzählen, ist belanglos. Und doch ist es mit all seinen Weiterungen zugleich so fatal, dass es einen schaudern lässt.
Leseprobe:
Ihre Hände scheinen zu schweben, als sei ihr Körper aus Luft gemacht. Zwischendurch recht angenehm. Auf die Dauer nicht. Denn Glück, wenn es etwas taugt, hat ihrer Meinung nach sein Gewicht. Gewichte. Immer geht es um alles, aber nicht im Großen und Ganzen, sondern im Kleinen und Einzelnen, als Addition von Genauigkeiten.
Zeitweise vermutet Walter, er sei in die Fänge eines verrückten Romanciers geraten, der irgendeinen Salat zwischen zwei Deckel binden lasse - aber besser, sprachmächtiger, bewegender und komischer als Lars Brandt hätte keiner seine Geschichte - die Geschichte einer Krise - erzählen können.

Lars Brandt