Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenAus dem Englischen von Brigitte Jakobeit
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
Farbenprächtige und verstörende Bilder aus einer Traumwelt
Erstaunlich, welche Wirkung ein "Lesebus" so haben kann. Erinnern wir uns beispielsweise an Alan Bennetts Bravourstück "Die souveräne Leserin" von 2008, in dem die Queen durch eine solche mobile Leihbücherei zu einer leidenschaftlichen Bücherliebhaberin wird.
Die amerikanische Schriftstellerin Audrey Niffenegger, die mit ihrem phantastischen Roman "Die Frau des Zeitreisenden" berühmt wurde, hat sich allerdings bei ihrer Graphic Novel "Die Nachtbibliothek" nach eigener Aussage von der Kurzgeschichte "Die Tür in der Mauer" von H.G. Wells inspirieren lassen.
Die Geschichte fängt relativ harmlos an; eine junge Frau namens Alexandra, die nachts gern in der Stadt herumläuft, obwohl es sich um Chicago handelt, hört aus einem Wohnmobil Musik dröhnen. Ein Mr. Robert Openshaw, Lesebrille, Anzug und Fliege, spärliches Haupthaar, also typischer Bibliothekar, lädt sie zum Eintreten ein. Innen drin ist das Wohnmobil dann plötzlich eine richtig große Bücherhalle. Alexandra guckt sich die Bücher an und merkt, dass es ausnahmslos ihre eigenen Bücher sind, die sie im Lauf ihres bisherigen Lebens gelesen hat.
Was man hier in Deutschland bisher noch nicht so genau wusste: Audrey Niffenegger, Jahrgang 1963, schreibt nicht nur gut, sondern beherrscht auch die Kunst des Zeichnens ganz hervorragend. Dieses Buch hier, das im Original "The Night Bookmobile" heißt, war ursprünglich eine Auftragsarbeit der britischen Zeitung "The Guardian".
Das Bild eines Regalbretts mit den bekannten Jugendbuchklassikern von Tolkien, E.B. White, C.S. Lewis oder auch Anna Sewell nimmt eine ganze querformatige Seite ein, während dann drei Seiten lang comic-artige Passagen mit handschriftlichen Sprechblasen die Geschichte weitererzählen.
Alexandra möchte Bücher ausleihen, aber Mr. Openshaw sagt, das geht nicht, verabschiedet sich bei Sonnenaufgang und fährt davon.
Ihr Freund, der sie Lexi nennt, glaubt ihr die Geschichte nicht so ganz, und als sie dann viel zu oft die ganze Nacht wegbleibt, weil sie immer auf die Nachtbibliothek wartet, verlässt er sie schließlich.
Alexandra - und wir ahnen jetzt schon, dass ihr Name, der an legendäre antike Bibliotheken und das Lesen an sich erinnert, nicht zufällig gewählt ist - verbringt ihre weitere Lebenszeit mit dem Verschlingen weiterer Bücher.
Neun Jahre später, als sie die Nachtbibliothek eines schönen Maiabends wieder entdeckt, ist drinnen noch ein neuer Gang hinzugekommen. Mr. Openshaw bietet ihr Tee an, und Alexandra ist so glücklich, sie möchte gar nicht wieder gehen. Sie bittet den Bibliothekar, bei ihm arbeiten zu dürfen, aber er bedauert und schlägt ihr vor, doch eine normale Bibliothekarin zu werden.
Diesen Rat befolgt sie dann, und es ist auf den Zeichnungen wirklich gut zu sehen, wie aus der eben noch aparten jungen Frau allmählich eine unscheinbare Matrone wird, die eines regnerischen Novemberabends mit grauem Mantel, Kapotthut und schwarzem Schirm wieder vor dem Bücherbus steht.
Sie trinken wieder Tee, und dann muss sie wieder gehen. Zu Hause nimmt Alexandra vierzehn Valium und schneidet sich zur Sicherheit auch noch die Pulsadern auf.
Jetzt ist Alexandra zwar tot, aber sie hat den Job in der Zentralbibliothek. Sie darf die Bücher im Leben eines kleinen Mädchens betreuen. Ihre eigene Sammlung ist natürlich aus dem Bestand genommen.
Und das sollte uns zu denken geben: wenn man übermäßig am Leben in den Büchern hängt, dann könnte es so kommen, dass man das wirkliche Leben schlichtweg verpasst. Eine bittersüße Parabel, die durch die stimmungsvollen Illustrationen unglaublich große Räume aufstößt!

Audrey Niffenegger, aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit