Druckfrisch
Das Büchermagazin mit Denis Scheck im Ersten.
Link in neuem Fenster öffnenVorgestellt von Claudio Campagna
Pfarrer Korbinian Aigner malte und zeichnete über Jahrzehnte Äpfel und Birnen in allen erdenklichen Variationen.
Korbinian Aigner war im vergangenen Jahrhundert ein Geistlicher und Pomologe, ein Fachmann für Obstbau also. Vor allem Äpfel hatten es dem Pfarrer angetan. Unzählige hat er gezüchtet, gesammelt und gemalt.
Alle erhaltenen Apfelbilder lagern seit einigen Jahren im Historischen Archiv der Technischen Universität München. Jetzt hat sie der Berliner Verlag Matthes & Seitz erstmals vollständig und in Originalgröße abgedruckt. Sie sind in der Reihe "Naturkunden" erschienen, die die Schriftstellerin und Buchdesignerin Judith Schalansky herausgibt.
Das erste, was auffällt, ist das ungewöhnliche Format: Gut einen halben Meter lang und etwa 20 Zentimeter breit ist dieses dazu noch dicke Buch. Ein Foliant. Gewichtig im Wortsinn, da hält man etwas in der Hand.
Die Nazis haben Korbinian Aigner ins Konzentrationslager Dachau gesteckt, weil er ein Attentat auf Hitler gut geheißen haben soll. Er überlebte die Tortur und konnte 1945 fliehen. Und sogar im KZ hörte er nicht auf, Obst zu züchten. Zwischen den Baracken brachte er die Apfelsorten KZ1 bis KZ4 hervor. Der schmackhafteste aus dieser Reihe ist ihm zu Ehren später in Korbiniansapfel umbenannt worden.
Judith Schalansky hat diesen Band bewusst auch haptisch ansprechend gestaltet. Der Rücken ist in rostrotes Leinen gebunden. Die Seiten sind aus angenehmem, schwerem Papier. Auf dem Buchdeckel ist der Titel eingestanzt: "Korbinian Aigner. Äpfel und Birnen. Das Gesamtwerk." Fast 1.000 Obst-Porträts - so muss man fast sagen - machen dieses Gesamtwerk aus. Aigner hat sie mit Buntstiften, Wasserfarben und Gouache auf postkartengroße Papptafeln gemalt.
Auf frühen Bildern leuchten Aigners Äpfel und Birnen vor grünlich-grauem Hintergrund; wie bunte Bälle, die in einem trüben Aquarium schwimmen. Mit der Zeit perfektionierte Aigner seinen Malstil jedoch, setzte die Früchte auf einen Untergrund und deutete darüber einen Himmel an.
Wichtig ist ihm vor allem Präzision. Bei einer Birnenart mit dem Namen "Schweizerhose" etwa sehen wir genau den geschwungenen Stiel, die feigenartige Form und das dunkel-/hell-grüne Zebramuster auf der Schale. Farbmischungen, Maserungen, Striche, Sprenkel, Kerben, Falten - genau gibt Aigner die Oberfläche der verschiedenen Apfelarten wieder.
Eine documenta-Besucherin betrachtet das Werk "Apples 1912-1960" von Korbinian Aigner, das 372 Zeichnungen zeigt.
Fast immer paarweise malte Aigner seine Äpfel, von oben und unten, sodass sich Kelchblätter und Stiel erkennen lassen. Das hat wissenschaftliche, bestimmungstechnische Gründe. Aber die runden Formen im Doppelpack wecken auch Assoziationen. Schon auf dem Buchdeckel prangen zwei süß aussehende, pralle Äpfelchen, die wie erhitzte Wangen glühen. Viele von Aigners Früchten sehen zum Anbeißen aus.
Vorsichtig zieht daher die Kunsthistorikern Julia Voss in ihrem Vorwort eine Parallele zwischen Pomologie und Pornographie: "Im Christentum steht der Apfel vor allem für den Sündenfall, die Versuchung. Er ist die verbotene Frucht am Baum der Erkenntnis, von der Eva und Adam essen, woraufhin sie aus dem Paradies vertrieben werden."
Diese Symbolik ist natürlich auch Aigner bewusst gewesen, und vielleicht ist es ein Grund, der ihn, den Theologen, der mit dem Zölibat haderte, antrieb, Äpfel zu malen. In Versuchung schien Aigner immer wieder geraten zu sein. "Pomolog, schielt zu sehr nach dem Weiblichen", hieß es in einem kirchlichen Vermerk."
Als Pfarrer versah Korbinian Aigner seinen Dienst ordentlich; mit Leidenschaft diente er Pomona, der Göttin der Baum- und Gartenfrüchte. Über Jahrzehnte malte er Äpfel und Birnen in allen erdenklichen Variationen: Glatte, raue, glänzende, matte, runzlige, rote, gelbe, grüne, spitze-, kugelförmige, plattgedrückte und zerbeulte.
Er ordnete sie nicht nach Wirtschaftlichkeit oder Geschmack. Für ihn waren alle Äpfel gleich: sinnliche, liebenswerte Kreaturen: Der weiße "Astrachan" genauso wie der rote, der "Kleine Margarethenapfel" wie die "Große Kasseler Renette", die "Herzogin Olga" wie der "Försterapfel von Lou" und der "Pommersche Krummstiel" wie der "Steyerische Wintermanschsker".
Bei der Documenta 13 wurde Aigners Apfelsorten-Inventar als Konzept-Kunst präsentiert. Dort hat Judith Schalansky es entdeckt und mit viele Liebe zum Detail daraus ein schönes Buch gemacht: Eine knackige Apfel- und Birnenparade, bei der Biblio- und Pomophilen gleichermaßen das Wasser im Mund zusammenläuft.

Korbinian Aigner, Judith Schalansky (Hg.)